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       Die medialen Strategien der Machteliten und wie sie verschleiert werden
     Die Geschichten über die „Wissensgesellschaft“ und das „lebenslange Lernen“
 

  Ein Gastartikel von C. Block

 
 
Heute haben zum Beispiel zwölf Prozent unserer Postboten einen Bachelor. In den siebziger Jahren dagegen waren es nur drei Prozent. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Ausliefern der Post heute so viel komplizierter geworden ist als noch vor 40 Jahren.
 
  Richard Vedder, Wirtschaftsprofessor von der Universität in Ohio   
 
Bildung gehört seit je zu den Grundpfeilern der deutschen Ideologie. In einem verträumten Land, das am liebsten seine Grenzen abdichten und gleichzeitig die ganze Welt umschlingen möchte, soll es im Notfall immer die Bildung richten. Jedes soziale oder persönliche Problem hält man hierzulande zuerst für eine Erziehungsfrage. … Die Grenzen der Bildung liegen aber auf der Hand. Bildung schafft keine Arbeitsplätze und keine Gerechtigkeit. Sie hebt nicht die soziale Moral und vertreibt weder Sucht noch Gewalt. Vorschulen und Nachhilfen lösen keine gesellschaftlichen Probleme.
 
  Wolfgang Sofsky, freier Autor und Professor für Soziologie   
 
Der Ruf nach besser ausgebildeten Arbeitskräften als Abhilfe für rezessionsbedingte Arbeitslosigkeit ist die letzte Zuflucht des konzeptionslosen Liberalismus.
 
  John K. Galbraith, einer der bekanntesten amerikanischen Ökonomen des 20. Jahrhunderts   

Wenn in Deutschland über die wirtschaftliche Lage im Allgemeinen und Arbeitslosigkeit im Besonderen gesprochen wird, kommt man sehr schnell auf Qualifikationen zu sprechen. Die Geschichten vom Fachkräftemangel sind eine ergiebige Quelle für immer neue Medienkampagnen. Die „Fakten“ liefern denen, die die Lage angeblich am besten kennen, nämlich den Arbeitgeber bzw. den sich bei ihnen geistig prostituierenden „Experten“ und „Wissenschaftlern“ jede Menge „eindeutige Beweise“ für ihre Meinung. Als Sprachrohr für die Verbreitung derselben dienen natürlich die privaten Massenmedien. Demnach würden die Unternehmen gern Unmengen von Arbeitsplätzen schaffen, aber es sei einfach kaum geeignetes Personal zu finden. Einfache Tätigkeiten seien nicht mehr gefragt, stattdessen würden „Hochqualifizierte“ und „Fachkräfte“ gesucht, die es einfach nicht gibt, oder die Qualifikationen der verfügbaren Arbeitsplätze passten nicht zu den Anforderungen der „modernen Wirtschaft“. Die Arbeitswelt wandele sich immer schneller. Das gelte erst recht im Zeitalter der Globalisierung.

Ist aber diese Diskussion und all das Gejammer nicht seltsam? Seit drei Jahrzehnten wird der Staat überall verdrängt, um es dem Markt zu überlassen, alles viel besser zu machen. Doch die Qualifikationsprobleme verschärfen sich immer mehr, wenn man  dem Glauben schenken darf, was man als Erklärung der Arbeitslosigkeit hört. Und gerade die Leute, die dauernd von diesen Problemen reden, sind diejenigen, die angeblich fest davon überzeugt sind, wie perfekt der Markt alles organisiert.

Die Wirtschaft ist wie immer nicht selbst verantwortlich

Nehmen wir einfach an, gut Qualifizierte erbringen wirklich mehr Leistung für das Unternehmen, so dass sie wirklich gern eingestellt werden. Aber warum bilden dann die Unternehmen nicht selber aus? Kann  die Ausbildung von Fachkräften möglicherweise einiges kosten und können die Unternehmen vielleicht kein Interesse daran haben, sich mit diesen Aufwendungen zu belasten? Ja, der Markt ist zwar aus Sicht der interessierten Kreise in jeder Hinsicht perfekt, aber dass er den Unternehmen eigene Anstrengungen abverlangen kann, wird unter den Teppich gekehrt. Hier ist plötzlich der Staat doch wieder gut und nützlich. Er soll zu weiten Teilen für die Ausbildung der gewünschten Arbeitskräfte sorgen und die Anwerbung aus dem Ausland erleichtern, damit den Unternehmen die Kosten ihrer Ausbildung erspart bleiben und außerdem ihre wachsende Zahl die Löhne nach unten drückt. Darüber wird aber nicht offen gesprochen.

Vor diesem Hintergrund erscheint ein Phänomen umso erstaunlicher. Die Aussagen und Forderungen der Unternehmen werden grundsätzlich nicht kritisiert oder gar in Frage gestellt. Haben sie Probleme, freie Stellen zügig zu besetzen, dann erzählt der Nachrichtensprecher nicht sie seien daran selbst schuld. In der Zeitung können wir in der Tat so gut wie nie von Unternehmen hören, die wirklich gern Auszubildende hätten. Wird  ihnen das vorgeworfen, was ganz selten geschieht, dann sprechen sie von  „nicht Ausbildungsfähigen Jugendlichen“. Seit neuestem spricht man sogar von „bildungsfernen Schichten“. Was für eine verlogene Sprache! Und in seiner Sonntagsrede bringt der Politiker nicht seine Scham zum Ausdruck, dass Deutschland an den Ausbildungsbemühungen anderer Länder durch die Anwerbung von Fachkräften parasitiert, sondern lobt sie dafür, zur „Internationalisierung“ des deutschen Arbeitsmarktes beizutragen und ausländischen Arbeitskräften „Chancen zu eröffnen“. Kurz: Die Arbeitgeber haben immer Recht, können keine Fehler machen und was sie wollen, ist automatisch auch gut für die Allgemeinheit. Sie wollten ja nur zu gerne attraktive Arbeitsplätze schaffen, aber unter den gegebenen Umständen ginge das einfach nicht.

Sogar das Wort Fachkräftemangel ist wirklich geschickt gewählt. Mangel, das klingt nach einer unverschuldeten Notlage unter der man leidet, und nicht nach Tarnung eigennütziger Interessen. Wenn wir jedoch nur einen kurzen Moment nachdenken, können wir mit aller Deutlichkeit sehen, dass ein Mangel etwas ist, das es objektiv nicht gibt und nicht geben kann. Das Wort Mangel ist untrennbar mit einem angestrebten Idealzustand verbunden. Ohne diesen zu kennen ergibt es gar keinen Sinn, es zu benutzen. Der ideale Arbeitnehmer nach der Vorstellung der Arbeitgeber ist natürlich entsprechend qualifiziert, leistungsfähig und engagiert, kostet aber möglichst wenig. Wie wäre es, wenn ein Normalverdiener nicht sagt „Ich würde gern jede Woche im 3-Sterne-Retaurant essen, aber das ist mir zu teuer.“, sondern „Es herrscht ein eklatanter Mangel an 3-Sterne-Küche zu einem angemessenen Preis.“? Übertragen auf die Unternehmen könnte man sagen: Sie möchten speisen wie im Nobelrestaurant, aber nur Imbissbudenpreise bezahlen.

Die verlogenen Rituale der Bewerbungspraxis und ihre wahren Hintergründe

Selbstverständlich dürfen die Unternehmer niemals zugeben, dass sie immer gern viel mehr Arbeitskraft angeboten bekommen wollen, als sie eigentlich gerade brauchen. Der abgelehnte Bewerber soll seine Zurückweisung nicht auf einen Überschuss an Arbeitskräften - oder aus seiner Sicht: einen Mangel an passenden Arbeitsplätzen - zurückführen, sondern auf seine eigenen Unzulänglichkeiten. Um das zu erreichen, haben sich Personalabteilungen und Unternehmensberatungen einiges einfallen lassen. Zunächst einmal haben sie die Bewerbung um eine Stelle zu einer eigenständigen Kunstform erhoben. Der Bewerber muss nicht nur ein hochkomplexes Schreiben einreichen, das möglichst viele modische Schlagwörter enthält, sondern auch als meisterhafter Rhetoriker glänzen, sofern er überhaupt zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Der geringste Fehler bei der Befolgung des betrieblichen Hofprotokolls führt zu sofortiger Ablehnung. Nebenbei bemerkt: Es ist geradezu zynisch, dass die Unternehmer sich einerseits bei jeder Gelegenheit über die staatliche Bürokratie beschweren, aber ihre eigenen Betriebe bis unters Dach selbst voll davon sind.

Die wenigen, die es tatsächlich bis zum Bewerbungsgespräch schaffen, sehen sich seit einiger Zeit mit neuen, seltsamen Ritualen konfrontiert. „Assessment-Center“ sollen angeblich in der Lage sein, mit ihrem unfehlbaren Urteil die am besten geeigneten Bewerber auszuwählen. Was die Arbeitgeber nicht daran hindert, die neuen Mitarbeiter anschließend erstmal in eine Probezeit oder ein befristetes Arbeitsverhältnis zu schicken. An dieser Stelle wird ein ganz grundlegendes Problem sichtbar, das in der Öffentlichkeit nie ernsthaft thematisiert wird. Es lässt sich kurz und klar etwa so formulieren: Personalabteilungen sind auch mit noch so ausgeklügelten Verfahren nicht in der Lage, den „optimalen Bewerber“ zu finden, weil sie nun mal nicht hellsehen können. Niemand kann vorhersagen, was ein neuer Angestellter dem Unternehmen nützen wird. Wie oft passiert es etwa im Profifußball, dass der Spieler, der bei seinem vorherigen Verein Spitzenleistungen erreichte, sich als Enttäuschung für seinen neuen Verein entpuppt? Und jeder Leser wird jemanden kennen, der nach Antritt einer viel versprechenden neuen Stelle sich bald fehl am Platz fühlte; oder womöglich hat er es selbst schon erlebt. Durch den Überschuss an qualifizierten Arbeitskräften wird dieses Problem noch verschärft. Der bekannte - vielleicht oft gar nicht wirklich ironisch gemeinte - Spruch „Sie sind nicht gut, aber die besten die wir kriegen konnten.“ verliert seinen Witz, wenn die Auswahl zu groß ist.

Die Personalabteilungen scheuen diese Wahrheit natürlich wie der Teufel das Weihwasser. Deswegen sind Bewerbungsformalitäten, Assessment-Center usw. nicht nur als Werkzeuge zu sehen, die den abgelehnten Bewerber glauben machen sollen, es liege an ihm, dass er keinen Arbeitsplatz findet. Diese Dinge dienen den Personalern auch dazu, ihre eigenen Jobs zu behalten. Wenn sie bei der Suche nach geeignetem Personal versagt haben, können sie sich hinter den „neuesten Methoden“ und dem „aktuellsten Stand der Erkenntnisse“ verschanzen. Persönlich die Verantwortung für etwas zu übernehmen, wenn es für einen selbst negative Konsequenzen haben kann, ist in der modernen Betriebsorganisation und erst recht in der Betriebsführung schon lange aus der Mode gekommen. Und da es auch genügend Personaler gibt, ist es völlig undenkbar, gegebenenfalls die Wünsche und Anforderungen der Unternehmensführung auch nur andeutungsweise als überzogen oder schlicht unrealistisch zu kritisieren.

Die Politiker als Nutznießer und nützliche Idioten der „Qualifikationsprobleme“

Kommen wir nun zu den Leuten, die neben Unternehmern und Unternehmensberatern auch noch bei jeder Gelegenheit mit schmissigen Schlagwörtern um sich werfen, den Politkern. Warum reden sie so oft davon, wir lebten heutzutage in einer „Wissensgesellschaft“ und fordern, Deutschland müsse zur „Bildungsrepublik“ gemacht werden? Wenn man sich nur ein wenig darin hineindenkt, wie es ist, ein öffentliches Amt innezuhaben, findet man schnell Antworten.

Mehr Bildung zu fordern macht sich immer gut. Das klingt nach Aufklärung, Humanismus und Engagement: Da liegen schließlich die Wurzeln der Moderne, der erfolgreichen westlichen Zivilisation. Zudem lässt sich dabei sehr auf den - vor allem bei den Gebildeten - verbreiteten Irrglauben anspielen, gebildete Leute seien bessere Menschen und würden gesitteter miteinander umgehen. Diesen Spuk hat schon übrigens schon Platon vor über 2000 Jahren in die Köpfe der Herrschenden eingepflanzt. Doch nicht nur bei Sonntagsreden ist es nützlich, sich als um die Bildung des Volkes bemüht dazustellen. Mehrere öffentliche Ämter können auf die Bildung abstellen, um die Arbeit des ihnen jeweils zugehörigen Ministeriums vor Kritik zu schützen. Der wichtigste Vorteil ist, dass der Einsatz für Bildung keinerlei konkrete Versprechungen erfordert. Kommen Nachfragen, warum die angestrebten Effekte sich nicht einstellen, lässt sich immer eine Erklärung nachschieben, die die Politik von der Verantwortung entlastet. Man habe etwa in die Bildung „viel investiert“, aber schließlich könne man den Bürgern nicht alles abnehmen. Wenn diese nicht fähig seien, aus ihrer Bildung etwas zu machen, könne man ja dem Ministerium deswegen keinen Vorwurf machen.

Selbstverständlich setzt die Politik aber nicht nur auf solche Taschenspielertricks. Im Zeitalter von (Pseudo-)Wissenschaft und (Auftrags-)Forschung sind Zahlen, Daten und Fakten gefragt. Vorteilhafte Zahlen lassen sich fast mühelos liefern, wenn man weiß wie. Das Lieblingsprojekt quer durch die Parteien ist die Erhöhung der Anzahl der Abiturienten und Hochschulabsolventen. Man kann sich leicht denken, wie man dieses Ziel am schnellsten und mit dem geringsten Aufwand erreichen kann: durch Senkung der Anforderungen. So kann man nach kurzer Zeit, im Idealfall noch rechtzeitig vor der nächsten Wahl, handfeste Zahlen sowie Schul- und Hochschulabgänger mit echten Abschlusszeugnissen präsentieren und sich brüsten, wie viel man für die Jugend getan hat. Es ist ebenfalls nicht schwer darauf zu kommen, wohin das führen kann. Wenn eines Tages fast jeder Abitur und Hochschulabschluss hat bzw. die Anforderungen in den „unteren“ Schulformen so weit gesunken sind, dass dort kaum noch etwas gelernt wird, ist das Spiel vorbei.

Die Akademikerzucht hat aber noch einen weiteren, unmittelbaren Vorteil für die Politiker. Schüler und Studenten tauchen nicht in der Arbeitslosenstatistik auf. Genauso verhält es sich mit Arbeitslosen, die man in eine „Qualifizierungsmaßnahme“ oder „Weiterbildung“ steckt. Etwas Besseres zur Beschönigung der Arbeitslosenzahlen gibt es kaum. Man kann es der Öffentlichkeit gegenüber offen zugeben und sogar noch darauf verweisen, da ja jeder wisse, dass Qualifikation und Bildung die Eintrittskarte zum Arbeitsleben sind, tue man den Arbeitslosen doch einen Gefallen. Nur Zyniker könnten bestreiten, wie sehr man sich um diese Menschen bemüht. Und wenn die letzte Weiterbildung nichts gebracht hat, kommt die nächste. Schließlich änderten sich die Anforderungen der Wirtschaft ständig - es findet ständig ein so genannter „Strukturwandel“ statt.

Das Traurigste und Verwerflichste an den Geschichten über die mangelnde Qualifikation ist darin zu sehen, dass sich mit ihnen hartnäckige soziale Probleme, die aus der Arbeitslosigkeit folgen, bestens überspielen lassen. Hier findet sich wiederum der Vorteil der Halbwahrheiten: Die am deutlichsten sichtbaren Tatsachen müssen nämlich nicht geleugnet werden. Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass die ärmsten Menschen in der Regel auch die am wenigsten gebildeten bzw. ausgebildeten sind. Für die Politik ist der Fall damit klar. Weil sie so dumm sind, sind diese Leute so arm. Man sagt aber nicht öffentlich „dumme Arme“, sondern spricht von „bildungsfernen Schichten“. Da könnte man schon fragen, ob es nicht viel dringender wäre, den Kindern aus diesem Umfeld wenigstens zu grundlegender Bildung zu verhelfen, als aus sämtlichen Kindern ab Mittelschicht aufwärts Akademiker machen zu wollen. Das scheint für die Politik jedoch die reinste Zeitverschwendung zu sein. Stattdessen macht sie sich Sorgen um die vermeintliche - und vielfach widerlegte - Nachwuchsarmut der Akademiker im Verhältnis zu anderen Bildungsgraden. Sieht man sich die Ereignisse der letzten Jahre an, kann man nur ungläubig staunen. Jahre vor der Veröffentlichung von „Deutschland schafft sich ab“ hat die Politik mit der Einführung des Elterngeldes implizit der Annahme zugestimmt, die Kinder von Akademikern seien intelligenter, folglich im Erwerbsleben auch leistungsfähiger und damit mehr wert als die Kinder aus den „Unterschichten“. Das Elterngeld wird nämlich am Einkommen bemessen. Wer mehr verdient, bekommt auch mehr. (Zu „leistungsgerechtem“ Einkommen und Intelligenz haben wir schon einiges gesagt.dorthin) Seltsamerweise blieb die Entrüstung über die Verbreitung kruder Erblehren und wirrer Intelligenztheorien, der Sarrazin sich gegenübersah, weitgehend aus. Die angeblich erbliche Dummheit der „Unterschichten“ bot die Möglichkeit, einerseits denen zu geben, die schon viel haben, und andererseits denen, die nichts haben, alle Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Lage vor der Nase wegzusparen. Warum auch in die Bildung von Leuten investieren, die sowieso nicht fähig sind, dazuzulernen? So wurde einmal mehr „zeitgemäße“ und „mutige“ Politik gemacht, die die Bedienung von Partikularinteressen elegant mit dem Hass auf die Schwächsten der Gesellschaft kombiniert.

Wie und warum der Bürger einiges falsch sieht

Man kann  nie genug betonen, wie wichtig Halbwahrheiten für das Erzählen glaubwürdiger Geschichten sind. Deshalb sind die Medienkampagnen immer so ausgerichtet, dass sie etwas ansprechen, was diejenigen, die manipuliert werden sollen, aus eigener Erfahrung kennen. Das gilt auch wenn es um die Kampagnen geht, die Arbeitslosigkeit zum persönlichen Qualifikationsproblem zu verklären. Welche Erfahrungen macht nämlich der einfache Bürger in seinem Alltag, wenn es um Qualifikation und Arbeitsmarkt geht? Versetzen uns in seine Perspektive,  um es herauszufinden.

Sofern der Bürger selbst längere Zeit berufstätig ist, wird er schon miterlebt haben, dass die am geringsten qualifizierten Arbeitskräfte stets zuerst entlassen werden. Bei einer der berüchtigten „Rationalisierungen“ werden die von ihnen erledigten Arbeiten üblicherweise den Angestellten der nächsthöheren Qualifikationsstufe aufgedrückt. Es hat in der Tat eine einfache Logik für die Firma, die am wenigsten Qualifizierten zuerst zu entlassen. Solches Personal bekommt man auf dem Arbeitsmarkt jederzeit. Schon deshalb, weil einfache Tätigkeiten auch die Hochqualifizierten ausüben können, umgekehrt geht es jedoch nicht. Das ist  einer der wichtigsten Faktoren warum bei den Niedrigqualifizierten die Arbeitslosigkeit immer am höchsten liegen muss. Es ist ein Umstand, den man mit keinen Maßnahmen je  wird verändern können - da lässt sich objektiv nichts ändern. Fügen wir der Vollständigkeit halber noch hinzu, dass nach den so genannten Arbeitsmarkreformen in den letzten Jahrzehnten die Qualifizierten jede Tätigkeit annehmen müssen, auch wenn sie unterhalb ihres Qualifikationsniveaus liegt. Auf diese Weise wird die höhere Arbeitslosigkeit bei den Niedrigqualifizierten noch zusätzlich erzeugt. Darf man unterstellen,  die gekauften „Experten“ und „Wissenschaftler“ wüssten dies nur zu genau und würden damit absichtlich lügen?

Weiter oben in der betrieblichen Hierarchie, wo die höheren und höchsten Gehälter verdient werden, schlagen sich die Schwankungen der Geschäftslage weniger nieder. Unter den hier Beschäftigten sind Hochschulabschlüsse gang und gebe. Hier stoßen wir auf die nächste raffiniert durchdachte Halbwahrheit. Die Mitarbeiter auf den höheren Positionen sind zwar hoch qualifiziert, aber sie sind nicht deshalb auf diesen Positionen: Sie sind hoch qualifiziert, weil sie die leitenden Positionen besetzen und nicht umgekehrt. Es sind die Besitzer der Firma oder deren Verwandte und Freunde.

„Die Studenten der privaten Bildungseinrichtungen sind ohnehin für den Eintritt in die Großindustrie und Hochfinanz bestimmt. Ihre Ausbildung ist zwar wichtig, aber sekundär. Henry Ford 2 zum Beispiel immatrikulierte sich nicht an der Universität Yale, damit er dereinst Präsident des Ford-Konzerns werden könne, sondern er sollte Chef des Konzerns werden und wurde deshalb auf die Universität Yale geschickt.“ ... >

Diese Hochqualifizierten auf den leitenden Positionen protzen auch sehr gern mit ihrer „internationalen Erfahrung“, die sie angeblich so leistungsfähig macht. Für den Sohn aus reichem Haus ist es kein Problem, diese dubiose internationale Erfahrung zu bekommen. Der verbringt ein Jahr bei einem Geschäftsfreund seines Vaters in Übersee, macht ein paar Praktikantenarbeiten und seinem Lebenslauf steht dann „Arbeit in leitender Funktion der Büroorganisation“.

Der weitere Trugschluss des unkundigen Beobachters, der die Geschichte über die mangelnde Qualifikation glaubt, besteht darin, dass er die gut Ausgebildeten in seiner Firma sieht, aber nicht diejenigen, die arbeitslos sind. Die Tatsache, dass Leute mit einem gut bezahlten Job in der Regel einen Hochschulabschluss haben, bedeutet eben nicht, dass alle Leute mit Hochschulabschluss einen gut bezahlten Job haben. Nun stellt sich natürlich die Frage, wo all die arbeitslosen und schlecht bezahlten Akademiker sind. Die deutsche Pädagogin Maria Wölflingseder hat sich mit diesem Thema beschäftigt. In ihrem Aufsatz kommt sie natürlich auf den nahe liegenden Grund zu sprechen, dass „erfolglose“ Akademiker ihre Lage oft schamhaft verschweigen. Aber was ist dann mit der offiziellen Arbeitslosenstatistik? Warum fallen die Arbeitslosenraten für Akademiker zuverlässig so gering aus?

„Arbeitslose Akademiker sind "unsichtbar", sie verstecken sich regelrecht. Viele melden sich gar nicht arbeitslos, weil sie sich den Schikanen am AMS nicht aussetzen wollen. Sie leben oft von Erspartem, Geerbtem, einer vermieteten Wohnung oder vom Partner, der noch gut oder halbwegs gut verdient. Gerade unter den Jungakademiker[n] ist zwar die Arbeitslosigkeit sehr hoch, aber diese scheinen in der Statistik immer seltener auf. Um in den Genuss einer Unterstützung zu kommen, müssten sie nämlich erst ein Jahr lang fix angestellt, also arbeitslosenversichert, gearbeitet haben - was immer seltener der Fall ist. Sie könnten sich zwar auch ohne Bezugsberechtigung arbeitslos melden, aber das macht selten jemand. Am AMS erwarten einen ja anstatt Hilfe meist Schikanen: sinnlose Kurse, zweiwöchiges "Stempeln-Gehen", keine Urlaubsmöglichkeit, nicht ins Ausland fahren dürfen, und vor allem so behandelt werden, als hätte man etwas verbrochen.“ ... >

Außerdem sind auch die Akademiker Opfer der Propaganda, nach der jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. Wer erfolglos ist, hat persönlich versagt. Deshalb sagen sie nicht, dass sie Akademiker sind, wenn sie einen Beruf weit unter ihrer Qualifikation ausüben, wenn sie z. B. Taxi fahren oder Postboten sind, wie es Richard Vedder, Wirtschaftsprofessor von der Universität in Ohio  als Beispiel aufführt - siehe Motto oben. Seinen Untersuchungen zufolge haben bereits 17 Millionen Akademiker in Amerika Jobs, für die eigentlich kein Studium notwendig wäre. Etwa 13 % der Kellner haben studiert, ebenso fast 17 % des Personals in Vorzimmern und Sekretariaten und 8 % der Elektriker.

Weil für den Normalbürger das, wovon er nichts weiß, auch nicht existiert, versucht er seine Kinder durchs Gymnasium zu kriegen, damit sie einmal „gute Chancen“ haben, einen sicheren Arbeitsplatz zu bekommen. Da drängt sich die Frage auf, was passiert, wenn im Rahmen der Akademikerzucht die später arbeitslosen Hochschulabsolventen immer mehr werden. „Wo ist die Arbeit, für die wir so fleißig studiert haben?“, werden sie fragen. „Im Ausland!“ werden Arbeitgeber und Lobbyisten antworten. Arbeit sei auf jeden Fall immer genug da, nur eben nicht immer direkt vor der Haustür. Wie schnell Arbeitsplätze in eine andere Ecke der Welt verschwinden können, das wird jedermann durch immer neue Verlagerungen von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer eindrucksvoll vorgeführt. Einiges spricht dafür, dass viele Leute - besonders die, die zwar nicht reich sind, aber doch ein etwas besseres Einkommen haben - sich davon beeindrucken und blenden lassen. Wenn der „internationale Wettbewerb“ es erfordert, sollen ihre Kinder einmal überall arbeiten können. So schicken sie ihren Nachwuchs schon im Kindergarten in den Englischunterricht und fragen sich, wo der Auslandsaufenthalt nach dem Abi wohl am sinnvollsten verbracht werden könnte.

Die „internationale Arbeitsteilung“ und „örtliche Flexibilität“ bringt aber nicht nur Verlagerungen von Arbeitsplätzen ins Ausland mit sich, sondern auch die Einwanderung von Menschen aus dem Ausland. Nur kommen die von den Unternehmerverbänden angeblich so flehentlich gewünschten Hochqualifizierten sehr selten nach Deutschland, ganz einfach deshalb, weil es in anderen Ländern höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen gibt. Die Mehrzahl der Einwanderer sind Menschen, die eher bereit sind, sich in Deutschland für einen niedrigen Lohn herumschubsen zu lassen, als Elend oder Verfolgung in ihren Heimatländern weiter zu ertragen. Wenn der deutsche Niedrigqualifizierte nun zu dem Schluss kommt, ein Ausländer habe ihm einen potentiellen Arbeitsplatz weggenommen, liegt er damit in gewisser Weise sogar richtig. Da ihm die Kenntnis der relevanten Zusammenhänge abgeht, richtet er seine Wut aber nicht gegen Unternehmen und Politik, die bei Arbeitslosigkeit im Inland Zuwanderung nicht nur dulden, sondern aktiv fördern. Stattdessen beginnt er, Ausländer zu hassen, obwohl diese niemals die Absicht hatten, ihm etwas Böses zu tun und sich nichts weiter wünschten als die Verbesserung ihrer eigenen Lage und der ihrer Familien.

Es ist interessant darüber nachzudenken, auf welchen Karriereweg besorgte deutsche Eltern ihre Söhne und Töchter schicken? Natürlich, heutzutage muss es ein Studiengang sein, der möglichst das Wort „international“ im Titel hat, und dann muss auch irgendwas gelehrt werden, das man „in der Wirtschaft“ auch anwenden kann. Das sind in erster Linie - zumindest der naiven Vermutung nach - alle möglichen Studiengänge rund um die Betriebswirtschaftslehre (BWL). Doch alle an eine kaufmännische Tätigkeit im weiteren Sinne angelehnten Hochschulfächer sind mehr Schein als Sein. Sie geben sich durch ihre „Wissenschaftlichkeit“ den Anstrich von Seriosität und Verlässlichkeit. Leider lassen sich die meisten Leute von hochgestochen klingenden Berufsbezeichnungen, vorzugsweise auf Englisch, allzu leicht beeindrucken. Sie möchten nur zu gern glauben, dass es für sie bzw. ihre Kinder einen Weg gebe, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen und unabhängig von den Bedingungen der Außenwelt immer erfolgreich zu sein. Die „wissenschaftlichen“ Kaufleute in den Privatuniversitäten wären natürlich die letzten, die ihnen das ausreden würden. Und wer sich selbst durch ein derartiges Studium gequält hat, der wird sich erst recht nicht eingestehen, dass sein Studium ihm nichts weiter vermittelt hat als Kenntnisse in Buchhaltung und Betriebsorganisation, mit einer großen Portion Scheinwissenschaftlichkeit obendrauf (die meistens in Form komplizierter, aber nutzloser Mathematik gereicht wird). Bekannte Abschlüsse wie „Master of Business Administration“ (MBA) geraten deswegen unter den wenigen redlichen Fachleuten immer öfter in die Kritik. Der Bremer Professor für BWL Karlheinz Schwuchow stellt mit einigem Sarkasmus fest:

„Mit dem MBA ist es wie mit dem Kaufmann. Das kann einer sein, der ohne jede Lehre eine Würstchenbude betreibt, oder ein promovierter Vollakademiker.“ ... >

Allerdings gibt es eine Fähigkeit, die jeder, der am Geschäftsleben mehr als eine Probezeit lang teilnehmen will, unbedingt haben muss. Man muss verkaufen können, sowohl sein Produkt als auch sich selbst. Dazu gehören ganz wesentlich selbstbewusstes Auftreten und ein Redeschwall, der das kritische Urteilsvermögen des Zuhörers hinwegschwemmt. Auf diese Weise schaffen es die Betriebswirtschafts„wissenschaftler“, ihren Etikettenschwindel mit den akademischen Titeln, die sich selber geben, auch echten Wissenschaftlern gegenüber zu verbergen und die Vorstände und Manager, ihre astronomischen Einkünfte als alleiniges Produkt ihrer „Leistung“ auszugeben.

Eine kurze Zusammenfassung und Bewertung

Was können wir zum Verhältnis von Qualifikation und Arbeitslosigkeit und den Schlagwörtern rund um Bildung abschließend festhalten? Nun, der Erwerb von Qualifikationen spielt tatsächlich eine große Rolle im Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung und der Vermeidung von Arbeitslosigkeit. Eine Anpassung der Qualifikationen kann aber nur dann etwas bringen, wenn es auch Bedarf nach ihr gibt. In einer funktionierenden Marktwirtschaft regelt sich das von allein.. Das ist in der aktuellen Weltwirtschaftsordnung aber nicht der Fall, da die Unternehmen, wie wir gesehen haben, dieses Prinzip mit Unterstützung der Politik unterlaufen Ursache für Arbeitslosigkeit ist also nie eine fehlende oder unpassende Qualifikation der Arbeitnehmer, sondern schlicht und einfach das Fehlen von Arbeitsplätzen. Doch unter diesen Gegebenheiten ist es völlig zwecklos, auf bessere Bildung zu setzen. Selbst wenn jeder einzelne seine Qualifikationen verbessert, läuft alles auf eine Situation hinaus, die einer Warteschlange entspricht, in der alle einen Schritt nach vorne gehen: Alle glauben weitergekommen zu sein, aber keiner hat seine Position verbessert.

 
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