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  Der „wissenschaftliche Sozialismus“ als Neoliberalismus von Links
  Die kommunistische Wirtschaft: ein Laissez-faire ohne Privatkapital
 
 
Das totale Scheitern des Marxismus ... und der dramatische Zerfall der Sowjetunion waren nur Vorläufer für den Zusammenbruch des westlichen Liberalismus, des Hauptstroms der Moderne.
 
  Japanischer Philosoph Takeshi Umehara, Ancient Japan Shows Postmodernism the Way        
 

Immer wieder wehrt sich Marx dagegen, über die Zukunft zu reden, weil man doch „keine Ideale verwirklichen“ und „keine fix und fertigen Utopien“ entwerfen wolle. Das hört sich doch gut an. Der Marxismus will Wissenschaft sein, und bei Wissenschaften haben Ideale und Utopien bekanntlich keinen Platz. So weit so gut. Aber Wissenschaften lehnen (empirische) Vorhersagen nicht ab, im Gegenteil. Gerade jene Wissenschaften, die man exakt nennt, sind besonders erfolgreich darin, vorherzusagen, was geschehen wird, wenn dies oder das getan wird, oder wenn man nichts tut. Wie bereits eingehend erörtert, ist die dialektische Methode für solche Leistungen weder vorgesehen, noch ist sie dazu fähig. Ihr ist es verwehrt, etwas über die Zukunft zu sagen. Hätte Marx diesen Grund angeführt, wenn er über die Zukunft nicht sprechen wollte, hätte sich dies jedoch nicht gut angehört. Dies würde Zweifel wecken oder gar zur Frage verleiten, wozu dann die dialektische Methode eigentlich gut sein könne, ja, ob sie überhaupt ernst zu nehmen sei. Deshalb war es sehr geschickt von Marx, dass er immer wieder den „utopischen Sozialismus“ niedergemacht hat.

Auch einem zufälligem Umstand hat Marx es zu verdanken, warum man nicht merkte, dass er nicht die geringste Ahnung davon hatte, wie die Zukunft aussehen sollte. In der Reihenfolge der Aufgaben kommt nämlich die Revolution zuerst, der Aufbau der neuen Gesellschaft erst danach. So ließ sich sagen, die Fragen der Zukunft hätten nicht die erste Priorität. Auch Herbert Marcuse, einer der Stichwortgeber der '68er-Bewegung, pflegte auf die Frage nach Einzelheiten der neuen Gesellschaft trotzig zu kontern, das Negative sei vorrangig, zum Positiven käme man noch früh genug. Heute wissen wir, wohin dies geführt hat. Als diese Schröder-Fischer-Generation zur Macht kam, war das einzige „Positive“, das ihr in den Sinn kam, die Ideologie des ehemaligen Gegners zu übernehmen und sie durchzupeitschen. So hat es sich noch einmal bestätigt, dass sich mit einem starken Willen die Macht erobern, aber nicht die Zukunft gestalten lässt. Wer Wunsch über Realität, Moral über Logik und Tun über Denken stellt, hat noch nie die Menschheit voran gebracht. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass es immer ohne Gewalt und Blut möglich war und auch möglich sein wird, die Welt zu verbessern. Die Herrschenden werden freiwillig nicht einmal auf die geringsten ihrer Privilegien verzichten, und auch alle Flammen der Hölle werden sie dazu nicht veranlassen. So war es immer, und so wird es auch für immer bleiben. Aber trotzdem. Ohne eine schlüssige Vorstellung darüber, wie die Zukunft aussehen sollte, hat eine Umkrempelung der Verhältnisse keinen Sinn. Dies war schon immer der fatale Fehler der Weltverbesserer, also all derjenigen Gutmenschen, die meinten, der Mensch und die Gesellschaft sei im Grunde gut, das Böse käme irgendwo von draußen, so dass man nur das Böse zu vernichten brauche und alles werde gut. Wenn wir aus der historischen Erfahrung mit dem Marxismus und Kommunismus etwas lernen können, dann gerade dies. Schauen wir uns deshalb diese Erfahrung näher an.

Fangen wir mit der persönlichen Erfahrung von Marx an. Er hat zwei proletarische Revolutionen (Paris 1848 und 1871) erlebt, welche die Bourgeoisie in einem Meer vom Blut ertränkte. Das 19. Jahrhundert war wahrlich keine gesegnete Zeit für Revolutionäre. Die Kapitalisten haben ihre Gesellschaftsordnung nicht weniger rücksichtslos und brutal verteidigt, wie die früheren herrschenden Klassen. Weil man heute davon nichts wissen will und alles zu verschönern und verharmlosen versucht - die Geschichte schreibt bekanntlich der Sieger - ist es nicht unangebracht, daran zu erinnern.

Die verzweifelten Kommunarden, sich der bevorstehenden Niederlage in einem Kampf mit dem weit überlegenen Gegner bewusst, haben damals „etwa 100 Geiseln hingerichtet. Ob jemals bekannt werden wird, wie viele Kommunarden den Kämpfen zum Opfer fielen? Tausende von ihnen wurden hinterher niedergemetzelt: die Versailler bekannten sich zur Zahl von 17000 Hinrichtungen, das kann aber bestenfalls die halbe Wahrheit sein. Über 43000 Menschen wurden gefangen genommen, 10000 von Kriegsgerichten verurteilt, fasst die Hälfte der Verurteilten wurde ins Strafexil nach Neu-Kaledonien verschickt, die übrigen wanderten in die Gefängnisse. So sah die Rache der 'ehrbaren Leute' aus. Ein Meer von Blut trennte fortan die Pariser Arbeiterschaft von den 'Höhergestellten'. Und von jetzt an wußten die Sozialrevolutionäre, was sie erwartete, wenn es ihnen nicht gelang, die Macht zu behalten.“ Genau so müsse eine „Diktatur von oben, weil sie aus reineren und lichteren Regionen kommt“, vorgehen, schrieb voll Begeisterung damals über diese „Schönheit des Blutopfers“ der fromme und ehrbare katholische Ideologe Donoso Cortés (1809-1853) in seinem Staat Gottes. Hat also der Kapitalismus erst einmal richtig angefangen zu herrschen, geht nicht nur die bürgerliche Idee der Freiheit, sondern auch die christliche Menschenliebe vor die Hunde. Was für ein Zynismus, als diese Henker bzw. die ihnen ideologisch Gleichgesinnten später so entsetzt und empört über die Hinrichtung des russischen Zaren und seiner Familie waren.

An dieser Stelle ist es angebracht noch anzumerken, dass die Kommunisten später fast überall ihre Herrschaft auf friedliche Weise abgegeben haben. In Peking haben zwar Soldaten auf Demonstranten geschossen, aber die Opferzahlen waren nicht allzu hoch - die Schätzungen gehen von ein paar Hundert bis in die Tausende. Die Rebellion gegen die Kommunisten ist also viel glimpflicher ausgegangen, als viele „Rettungen“ der Freiheit und Demokratie in der Dritten Welt, die von Militärs angeführt und vom Westen unterstützt wurden. Wenn man nur den Irakkrieg in Betracht zieht, stellt Jürgen Todenhöfer - der übrigens 18 Jahre lang Abgeordneter der CDU im Bundestag war - fest:

„Bush habe viel mehr Menschen auf dem Gewissen als alle Diktatoren und Terroristen dieser Welt zusammen. Trotzdem sei jeder westliche Politiker stolz, wenn er einen Termin bei Bush erhält.“

Die rote Farbe der proletarischen Fahne symbolisiert treffend den Aderlass, den die westliche Klasse der Kapitalbesitzer in den letzten zwei Jahrhunderten in der ein oder anderen Form an ihren Untertanen immer wieder gnadenlos durchführte. Solche Erfahrungen konnten bei den zukünftigen Revolutionären berechtigterweise den falschen Eindruck entstehen lassen, dass eine erfolgreiche Revolution zu machen das eigentliche Problem sei, was danach käme, würde man unvergleichbar leichter erledigen können. Heute, aus historischem Abstand betrachtet, lässt sich festhalten, dass es eigentlich umgekehrt war. Schon wenige Jahrzehnte nach Marx Tod begann eine Epoche der erfolgreichen Revolutionen. Die Weltkarte war eine Zeitlang größtenteils rot. Wenn man sich mit der Geschichte des 20. Jahrhundert näher beschäftigt, muss man sich immer wieder die Augen reiben und sich verwundert fragen, ob es wirklich so einfach ist, eine erfolgreiche Revolution zu machen. Eine nachhaltig erfolgreiche ökonomische Ordnung zu verwirklichen ist aber den Revolutionären nirgendwo gelungen.

Was konnten die Revolutionäre, die sich auf Marx verlassen haben, nach der erfolgreichen Machteroberung eigentlich tun? Vor der Revolution konnten sie noch hoffen, dass man in einem so gewaltigen Opus, das Marx hinterlassen hat, herausfinden würde, zumindest ansatzweise, wie der Kommunismus funktionieren sollte. Nach der Revolution musste man sich bald damit abfinden, dass sich von Marx nichts lernen ließ. Alles, was er über die zukünftige Gesellschaft im „Kapital“ hinterlassen hat, ist abstrakt und praktisch unbrauchbar; was in seiner Analyse der Pariser Kommune nachzulesen war, ist nur banal und naiv. Auch bei Marx kam die am deutlichsten ausgeprägte Eigenschaft der so genannten Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zum Ausdruck: Je weniger sie zu sagen haben, desto mehr Wörter brauchen sie dazu.

Die postkapitalistische Wirtschaftsordnung im „Kapital“

Fangen wir mit dem an, was im Kapital zu finden ist. Dort wird beschrieben und erklärt, wie die Geschichte durch das Produktivitätswachstum bzw. durch die Kapitalakkumulation automatisch voranschreitet. Da der Zusammenhang zwischen Kapital und Produktivität nach Marx ein bedingungsloses und ewiges Gesetz der Ökonomie sei, war es für die Revolutionäre von Anfang an klar, dass dieses Gesetz auch die Grundlage der neuen ökonomischen Ordnung bleiben muss. Sollte die kommunistische Wirtschaft die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften bei der Produktivität „einholen und überholen“, dann musste sie also mehr als diese akkumulieren können. Woher sollte aber das Kapital konkret kommen?

In unseren bisherigen Untersuchungen haben wir bereits aufgezählt, was zum (realen) Kapital bzw. zu den Produktionsmitteln gehört: Maschinen, Halbprodukte und Rohstoffe. Wie entstehen aber all diese Produktionsmittel? Sie seien Ergebnisse der Arbeit, so die Erklärung von Marx. Diese Idee, man kennt sie in der ökonomischen Theorie unter dem Namen Arbeitswerttheorie, ist nicht neu und wurde schon lange vor Marx vertreten, unter anderem von Willim Petty (1623-1687), Richard Cantillon (1680-1734), Adam Smith (1723-1790), David Ricardo (1772-1823) und vielen anderen. So wie Marx bei der organischen Zusammensetzung des Kapitals nicht originell war, war er es auch hier nicht. Aber er könnte sie weiter entwickeln. Welche Verdienste hat sich Marx nun um die Arbeitswertlehre erworben?

Marx hat versucht - wie bei der organischen Zusammensetzung - die Richtigkeit der Arbeitswertlehre exakter nachzuweisen als seine Vorgänger. Da kam ihm die Idee, dies mit Zahlenbeispielen zu tun. Durch Versuche dieser Art hat sich Marx als eine Zwischenstufe in der Entwicklung der ökonomischen Theorie positioniert: als eine Stufe zwischen der früheren Wirtschaftswissenschaft (genannt auch Politische Ökonomie), die nicht mathematisch war, und der späteren bzw. heutigen Wirtschaftswissenschaft, die über alle Maßen mathematisch ist. Aber Marx war kein richtiger Mathematiker, sondern ein Jurist, und er ist mit den Zahlen wie ein Jurist umgegangen. Folglich hat sich alles, was am Ende aus seinem Zahlensalat herausgekommen ist, als hoffnungslos falsch erwiesen. So meinte er, die Richtigkeit der Arbeitswertslehre endgültig bewiesen zu haben, indem er „mathematisch“ nachgewiesen hat, dass „die Summe der Werte gleich der Summe der Preise ist“. (Was dies genau bedeutet, darüber braucht sich ein Nichtökonom nicht den Kopf zu zerbrechen - die Arbeitswerttheorie war nur eine Sackgasse.) Würde man die Marxsche „mathematische“ Aufgabe richtig lösen, dann würde sich ergeben, dass die die Summe der Werte NICHT gleich der Summe der Preise sein kann.

Bemerkung: Die Marxsche Arbeitswerttheorie ist also ein genauso mathematisch falsches Denkprodukt, wie seine Akkumulationstheorie. Die zwei wichtigsten Säulen der Marxschen ökonomischen Theorie, die Arbeitswerttheorie - auch Wertgesetz genannt - und das Gesetz über die organische Zusammensetzung sind also bereits formal-theoretisch (mathematisch) unhaltbar. Die Marxsche Analyse ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie nützlich die Mathematik ist. Sie ist eine hervorragende nichtempirische Methode der Fehlersuche bei den Theorien. Wäre Marx ein besserer Mathematiker und wären seine Kritiker auch bessere Mathematiker, hätte man viel früher herausfinden können, dass sowohl die Arbeitswerttheorie als auch die Akkumulations- und Spartheorie von Marx schon rein theoretisch (logisch) falsch sind. Man hätte sich also die schmerzhaften empirischen Beweise sparen können. Der lange und große Erfolg der Marxschen Theorie hat also auch mit dem eklatanten Versagen der bürgerlichen Ökonomen zu tun. Es war Ladislaus J. Bortkiewicz, der als erster irgendwann bemerkt hat (1907), dass die Marxsche Arbeitswerttheorie (das Transformationsproblem) problematisch ist. Dass auch mit der organischen Zusammensetzung etwas nicht in Ordnung ist, haben die Ökonomen erst viel später begonnen zu ahnen. So ist es eben, wenn man in der Mathematik tollpatschig ist und an die Tatsachen nicht glaubt.

Wäre die Arbeitswerttheorie richtig, dann würde daraus folgern, dass die verdienstgerechte Verteilung nur die egalitäre Einkommensverteilung sein kann. In der heutigen Sprache der Ökonomen würde man dann sagen, dass der Arbeiter der Leistungsträger der Gesellschaft sei. Wäre dazu noch auch das „Gesetz“ über die organische Zusammensetzung des Kapitals richtig, dann wäre der Arbeiter auch derjenige, der für das Produktivitätswachstum sorgt. Er produziert nämlich das Kapital, und weil das Aufhäufen (die Akkumulation) des Kapitals (quasi) automatisch zur Produktivitätssteigerung führe, hätte die Arbeiterklasse auch der Fortschrittsträger sein müssen. Die praktische Konsequenz wäre, dass die Arbeiterberufe die am besten bezahlten Berufe sein sollten. Im populären volkstümlichen Sprachgebrauch der ehemaligen kommunistischen Länder hieß es: Derjenige der arbeitet, sollte mehr verdienen als derjenige der sitzt.

Wenn es nicht gelingt, die Fehler einer Theorie formal (logisch und mathematisch) auszumerzen, wird dies irgendwann die Praxis tun. Manchmal passiert dies schnell, aber Marx hatte mit seiner Arbeitswert- und Akkumulationstheorie viel Glück - verdammt viel Glück. Es gibt nämlich praktische Umstände, wo die Kapitalakkumulation wirklich die beste Strategie der Volkswirtschaft ist:

1 - Bei rückständigen Wirtschaften

2 - Bei durch Katastrophen und Kriege verwüsteten Wirtschaften

Und genau das war bei den erfolgreichen proletarischen Revolutionen der Fall. Deshalb wurde die westliche Welt durch die Erfolge der sowjetischen Wirtschaft nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg in Staunen versetzt („Sputnik-Schock“). Dass es der kommunistischen Wirtschaft dermaßen gut gelungen ist, so erfolgreich das Kapital zu akkumulieren, war bestimmt auch dem Zentralplan zu verdanken. Die totale Planung hat sich zweifellos als ein gutes Instrument erweisen, Investitionen zu tätigen und zu optimieren, und dabei noch ökonomische Krisen und Depressionen zu verhindern. Die freie Marktwirtschaft, mögen auch noch so viele Hohepriester des Laissez-faire-Prinzips davor ihre Augen schließen und auch noch so dreist alle Tatsachen verdrehen und leugnen, wird dazu nie im Stande sein. Leider ließ sich mit der Kapitalakkumulation nicht die Produktivität der Wirtschaft steigern. Deshalb konnte die Planwirtschaft nie eine Alternative zur Marktwirtschaft werden.

Nun sind wir zur Planwirtschaft gekommen, die man üblicherweise mit der kommunistischen Wirtschaftsordnung gleichsetzt. Ist die Planwirtschaft aber wirklich die Wirtschaftsordnung, welche Marx für die zukünftige kommunistische Gesellschaft vorgesehen hat? Ganz bestimmt nicht. Dies kann seltsam klingen, dem ist aber so. Es gibt in der Tat kaum etwas, was der Marxschen Vorstellung über die zukünftige kommunistische Wirtschaft so fern liegen würde, als eine zentralistisch gesteuerte Wirtschaft. Es ist sogar sehr mühsam, nach dem Wort Plan oder Planung in Marx gewaltigem Opus zu suchen. Man findet das Wort Plan z. B. in seinem dreibändigen Werk „Theorien über den Mehrwert“ (1863), das er vier Jahre vor dem ersten Band des Kapitals verfasste.

„Die gesellschaftliche Produktion heißt, ... dass die Gesellschaft, wie nach einem Plan, ihre Produktionsmittel und Produktivkräfte verteilt in dem Grad und Maß wie nötig zur Befriedigung ihrer verschiedenen Bedürfnisse, so dass auf jede Produktionssphäre das zur Befriedigung des Bedürfnisses, dem sie entspricht, nötige Quote des gesellschaftlichen Kapitals falle.“

Es soll hier nicht übersehen werden, dass Marx nicht sagt, dass die zukünftige Wirtschaft „nach einem Plan“, sondern „wie nach einem Plan“ funktionieren sollte. In der Analyse der Pariser Kommune findet man (in Bezug auf die zukünftige Wirtschaftsordnung) auch einmal das Wort Plan:

„Wenn die Gesamtheit der Genossenschaften die nationale Produktion nach einem gemeinsamen Plan regeln, sie damit unter ihre eigne Leitung nehmen ... soll, was wäre das andres, meine Herren, als der Kommunismus, der 'mögliche' Kommunismus?“

Man merkt, dass Marx nicht von einem zentralen, sondern einem „gemeinsamen“ Plan redet. Was aber „gemeinsamer“ Plan bedeutet, hat er jedoch nirgendwo erklärt. Im Kapital ist Marx noch unbestimmter und zurückhaltender, wenn es um die zukünftige Wirtschaftsform geht und das Wort Plan (in Bezug auf die zukünftige Wirtschaft) wird nie benutzt. An einer Stelle schreibt er, dass „die Gesellschaft als bewusste und planmäßige Assoziation“ organisiert sein wird, an einer anderen, dass der Produktionsprozess unter der „bewussten planmäßigen Kontrolle frei vergesellschafteter Menschen“ stehen würde, und dass ist eigentlich schon alles, was er zur Organisationsform der zukünftigen Wirtschaft zu sagen hat.

Ein Indiz, dass Marx sozusagen im Hinterkopf trotzdem an eine umfassende Planwirtschaft gedacht hat, wäre seine ausdrückliche Hervorhebung der Buchführung in der zukünftigen Wirtschaft.

„Nach Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise, aber mit Beibehaltung gesellschaftlicher Produktion, bleibt die Wertbestimmung vorherrschend in dem Sinn, daß die Regelung der Arbeitszeit und die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit unter die verschiednen Produktionsgruppen, endlich die Buchführung hierüber, wesentlicher denn je wird.“

Eine Angst vor der Überbürokratisierung hat er nicht, im Gegenteil:

„Die Buchführung als Kontrolle und ideelle Zusammenfassung des Prozesses wird um so notwendiger, je mehr der Prozeß auf gesellschaftlicher Stufenleiter vorgeht und den rein individuellen Charakter verliert; also notwendiger in der kapitalistischen Produktion als in der zersplitterten des Handwerks- und Bauernbetriebs, notwendiger bei gemeinschaftlicher Produktion als bei kapitalistischer. Die Kosten der Buchführung reduzieren sich aber mit der Konzentration der Produktion und je mehr sie sich in gesellschaftliche Buchführung verwandelt.“

Kann man aber daraus folgern, dass eine zentral gesteuerte Kommandowirtschaft doch die geheime Absicht von Marx war? Wäre dem so, dann wäre dies jemandem bestimmt schon aufgefallen. So etwas wurde aber Marx nie vorgeworfen, weder während seiner Lebenszeit, noch mehrere Jahrzehnte danach. Nicht einmal bei den Bolschewiki vor der Oktoberrevolution war die Planwirtschaft ein Thema. Die zukünftige Wirtschaftsordnung, die Räterepublik, wie sie sich Lenin in seinem, unmittelbar vor der Revolution (1917) verfasstem Buch Staat und Revolution vorgestellt hat, war eine Nachahmung der Pariser Kommune.

Die Erfahrung der Pariser Kommune (1871)

Als die Pariser Arbeiter die Kommune ausgerufen haben, war Marx schon längst aus Europa ausgewiesen und er hat seine Zeit in der Bibliothek des British Museum gefristet. Er zählte bekanntlich zu dem Kreis der fleißigsten Dauerleser, die sich den rasanten Ausbau der Bestände dieser Universalbibliothek zunutze machen wussten. Außerdem war Marx in dieser Zeit noch kein bekannter Ökonom - er hat erst wenige Jahre vorher (1867) den ersten Band des Kapitals veröffentlicht. Deshalb lässt sich von seinem Einfluss auf das Geschehen im revolutionären Paris nicht sprechen. Die meisten Kommunarden waren Anhänger von Louis Auguste Blanqui, einem in Versailles gefangen gehaltenen Revolutionär; andere hingen der sozialistisch-anarchistischen Auffassung des französischen Philosophen Pierre Joseph Proudhon oder der des russischen Anarchisten Michail Alexandrowitsch Bakunin an. Sie setzten ihre Auffassung durch, wonach die Wirtschaft und Gesellschaft ein freiwilliger Zusammenschluss dezentral organisierter, sich selbst verwaltender und frei miteinander kooperierender Einheiten ohne Staat und Kirche sein soll. Das Kapital sollte natürlich den Genossenschaften gehören. „Das Privateigentum ist Diebstahl“, so der berühmte Satz von Proudhon (Qu'est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement, 1840). Es war also folgerichtig, dass zu den wichtigsten ökonomischen Maßnahmen der Kommune die Umwandlung der, von den aus Paris geflüchteten Kapitalisten verlassenen Produktionsstätten in Arbeitergenossenschaften gehörte. Voll von Lob und Begeisterung schreibt Marx dazu:

„Jawohl, meine Herren, die Kommune wollte jenes Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum der wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner. Sie wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem die Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in bloße Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt.“

Die Wirtschaft, welche nach der „Enteignung der Enteigner“ entstehen würde, sollte also eine Wirtschaft der „Assoziation“ und der „freien und assoziierten Arbeit“ sein. Nicht „Plan“ oder „planerisch“ ist die Zukunft, die Marx vor Augen schwebte.

„Die arbeitende Klasse wird im Laufe der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt, und es wird keine eigentliche politische Gewalt mehr geben, weil gerade die politische Gewalt der offizielle Ausdruck des Klassengegensatzes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist.“
„An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation (= freiwillige Vereinigung), worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

Diese Ausdrucksweise zieht sich als roter Faden durch das Marxsche Opus.  „Frei“ und „assoziiert“ bedeuten, dass die Struktur und die Organisation der Wirtschaft nicht von oben entworfen, sondern durch freie Entscheidungen jedes einzelnen von unter aufgebaut werden sollte. Assoziiert heißt, sich anschließen oder beitreten, wenn man es will und solange man es will. Der Arbeiter schließt sich freiwillig einer Produktionseinheit an, diese schließt sich freiwillig einer größeren Einheit an, u.s.w. Im Grunde bedeutet dies aber nichts anderes als Laissez-faire ohne Privatkapital.

Neben der „Enteignung der Enteigner“, war Beschränkung der Löhne nach oben eine weitere wichtige ökonomische Maßnahme der Kommune. Auch dies findet große Zustimmung bei Marx.

„Die Kommune ... beginnt die Befreiung der Arbeit - ihr großes Ziel -, indem sie einerseits die unproduktive und schädliche Tätigkeit der Staatsparasiten abschafft, die Ursachen beseitigt, denen ein riesiger Anteil des Nationalprodukts für die Sättigung des Staatsungeheuers zum Opfer gebracht wird, und indem sie andererseits die tatsächliche örtliche und nationale Verwaltungsarbeit für Arbeiterlohn durchführt. Sie beginnt daher mit einer unermeßlichen Einsparung, ...“
„Die Kommune wird das parasitäre Gerichtswesen - den Notar, den Gerichtsvollzieher usw. -, das die Masse seiner Einkünfte verschlingt, durch Kommunalbeamte ersetzen, die ihre Arbeit für Arbeiterlöhne verrichten.“

Aber dies wäre schon ziemlich alles, was die Kommune in ökonomischer Hinsicht konzeptionell zu bieten hatte. Sollte dies die „endlich gefundene politische Form“ der proletarischen Wirtschaft sein, wie es Marx behauptet? Dann wäre es zum Verzweifeln wenig. Und schon gar nicht kann die Rede sein, dass etwas davon neu und originell wäre. Bereits die von Marx so verschmähten Sozialutopisten haben gemeinsames Eigentum und gleichmäßige Einkommensverteilung verlangt. Und Proudhon, den Marx, wo immer es nur ging, leidenschaftlich herabsetzte („Das Elend der Philosophie“ und anderswo), spricht sogar von „assoziierten Individuen“.

Eigentlich sind genossenschaftliche Formen des Zusammenlebens so alt wie die Menschheit selbst. Dass den Kommunarden etwas eingefallen wäre, wie man diese besser organisiert und effizienter machen könnte als es früher der Fall war, konnten die Historiker nicht feststellen. Auch Marx hat keine Vorschläge gemacht, die dann später den zukünftigen Revolutionären zugute kämen. Er musste diese Vorschläge natürlich nicht in seiner, in Eile verfassten Analyse der Kommune vorlegen, sondern er konnte sie in seinem zweiten und dritten Band des Kapitals entwerfen, die er gerade begonnenen hat zu schreiben. Schon aus dem Umfang dieser Bände würde man gerne vermuten, Marx würde dort darauf zu sprechen kommen. In der Ausgabe vom Dietz Verlag aus Berlin (1959) haben nämlich die drei Bände des Kapitals folgende Seitenzahl:

Der Band I - 963 Seiten,

Der Band II - 636 Seiten

Der Band III - 1070 Seiten

Aber auch dort findet Marx keinen Platz, etwas darüber zu sagen, was „assoziiert“ konkret bedeuten sollte. „Das Kapital“ war offensichtlich nicht für die praktischen (profane) Fragen vorgesehen. Diese thematisiert es nur noch einmal, in seiner „Kritik des Gothaer Programms“, (1875). Die neue deutsche Arbeiterpartei wollte sich nämlich in Gotha ein neues Programm geben, und Marx mischte sich ein. Er wusste vor allem, was sie falsch macht. Er kritisiert also fleißig die angeblich „utopischen“ Forderungen dieses Programms. So denunziert er etwa den politischen und gewerkschaftlichen Kampf für höhere Löhne als „Vulgärsozialismus“. Diese Vorstellung beruhe angeblich auf der falschen Auffassung der bürgerlichen Ökonomen, „die Distribution als von der Produktionsweise unabhängig zu betrachten und zu behandeln“. Im Endergebnis hat Marx mit dieser Schrift nur Verwirrung gestiftet, um den Arbeitern die Hoffnung zu nehmen, es wäre ihnen möglich, schon im Kapitalismus ihre Lage zu verbessern. Sie sollten alleine auf die Zukunft setzen und sich Gedanken über die Revolution machen.

Etwas anderes ist aber für uns interessanter. Marx hat schon zuvor erklärt, dass die Pariser Kommune „der Kommunismus, der mögliche Kommunismus“ sei. In der „Kritik des Gothaer Programms“ erfahren wir jedoch überraschend, dass dem doch nicht so war, dass die Pariser Kommune doch nicht das endgültige Modell der Zukunft war:

„Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“

Die Pariser Kommune war also nur eine „Übergangsperiode“, was danach kommen sollte, würde völlig anders aussehen.

„In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen - erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“

So zaubert Marx einige Jahre vor seinem Tod eine „höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft“ aus dem Hut. Sollte diese „höhere Phase“ etwa eine zentralistisch geplante Wirtschaft sein? Die Entwicklung in Russland nach der Oktoberrevolution lässt sich so interpretieren.

Wie bereits bemerkt, in seinem kurzen Buch Staat und Revolution hat Lenin seine Räterepublik nach dem Muster der Pariser Kommune entworfen. Das Experiment ist in Chaos und Anarchie untergegangen. Aber auch danach dachte Lenin noch nicht daran, die Wirtschaftsplanung in die Hände der Partei und dem Staat zu übergeben. In seinem zweiten Experiment („NEP“) hat er dem Privatkapital Zugeständnisse gemacht und erklärt, dass man unter dem Sozialismus ein „zum besten des gesamten Volkes angewendetes staatskapitalistisches Monopol“ verstehen sollte. Dieser Mischling aus uneingeschränkter politischer Macht der Partei („proletarischen Diktatur“) und der kapitalistischen Monopolwirtschaft, war auch ein Misserfolg. Kurz darauf starb Lenin. Stalin hat das Experiment im kurzen Prozess abgewickelt und das Kapital unter die Obhut der Partei und der parteitreuen Technokraten gebracht.

Es könnte gut sein, dass Stalin aus reinem Machtinstinkt gehandelt hat. Aber es lässt sich nicht ausschließen, dass er richtige Konsequenzen aus der Marxschen ökonomischen Theorie gezogen hat. Wenn sich die Kapitalmenge ständig vergrößern wird, dann würde es immer schwieriger sein, die Wirtschaft zu koordinieren, so dass man diese Aufgabe den Experten überlassen sollte. Hat Marx dieses Problem der Komplexität, wie man es heute sagen würde, übersehen? Nein, er hat es aber gänzlich anders gesehen.
 

Die Aufhebung der Arbeitsteilung und das neue Bewusstsein

Wenn man Marx und die deutschen Philosophen begreifen will, muss man immer daran denken, dass ihr Historismus nur eine säkularisierte christliche Eschatologie ist, die in einem Paradies endet. Was ist aber das Paradies? Es mag sein, dass das gemeine Volk es sich als einen Ort vorstellt, wo man nur faulenzt und genießt. Es wäre dann nicht falsch, die Religion als das Opium des Volkes zu bezeichnen, wie es Marx oft getan hat. Aber für die Theologen ist das Paradies etwas anderes. Es bedeutet eins mit Gott zu sein (eritis sicut dei), ein Leben für und in Gott. Die deutschen idealistischen Philosophen, die sich dem Rationalismus der Moderne verpflichtet sahen, haben den (göttlichen) Geist durch die Vernunft ausgetauscht. Der Standort ihres Paradieses sollte die Menschheit bzw. Gesellschaft sein, die sich zu einem Zustand fortentwickeln sollte, in dem jedes Individuum an dem universellen Wissen teilnehmen würde.

Auf diese Weise haben die Marxschen Vorgänger das Problem des Universalismus des Individuums gelöst, und zwar auf eine Weise, die gewissermaßen verständlich ist. Man kann sich nämlich zumindest vorstellen, dass das Wissen der Menschheit ständig wächst, bis es die ganze Realität (das Sein) umschlingt und durchdringt. Durch das Lernen wird sich dann jeder Mensch an diesem Wissen, im seinem ganzen Umfang, beteiligen können, weil beim Wissen keine Knappheit entstehen kann. Wenn nämlich jemand etwas lernt, wird nichts verbraucht; dasselbe können unzählige andere Menschen auch lernen. Das Wissen lässt sich sozusagen nach Belieben reproduzieren, so wie sich jede PC-Datei beliebig kopieren bzw. herunterladen lässt. Wäre also die Welt ideeller Natur, dann gäbe es das Problem der universellen Beteiligung an einer solchen Welt nicht. Ein Mensch könnte sich in der Tat ins ganze Universum hineindenken - eins mit Allem sein.

Marx konnte aber diese Vorstellung seiner Vorgänger nicht einfach übernehmen, weil er sich für eine materialistische Realität entschieden hat. Die Vorstellung von dem „universal entwickelten Individuum“ ist zu einem erheblichen Problem geworden. Wenn nämlich das Universum nur aus Materie besteht, ist eine Beteiligung eines jeden an der ganzen Realität schwer vorstellbar. In einer materiellen Welt kann ein Individuum nur ein unendlich kleines Körnchen des Ganzen sein. Als solches kann es nur wenige Nachbarn berühren, aber bei Weitem nicht das ganze Universum umschlingen und durchdringen. Wie kann nun der Mensch, als ein so unscheinbares Wesen, uneingeschränkt an allem, was in der Realität geschieht, partizipieren?

Da kommen wir zu der bekannten Marxschen Auffassung des Menschen als praktisches Wesen. Dass der Mensch ein Wesen der Praxis ist, hat natürlich nicht Marx entdeckt. Die Idee selbst ist sehr alt. Marx hat nur diese Auffassung durch Produktionsverhältnisse - heute würde man sagen Technologien - dialektisch-historisch interpretiert. Wir ahnen schon, wie er in seiner Argumentation vorging. Das Phänomen, das er betrachtet, wird sich im Laufe der Zeit umwandeln: in einer späteren Zeit wird es etwas völlig anderes sein als davor. Konkret heißt es, dass die produktive Arbeit in der Zukunft ihren Charakter völlig verändern wird. Was ist nun in den vorindustriellen Epochen der kennzeichnende Moment der produktiven Arbeit? Max erklärt es folgendermaßen:

„Solange Handwerk und Manufaktur die allgemeine Grundlage der gesellschaftlichen Produktion bilden, ist die Subsumtion des Produzenten unter einen ausschließlichen Produktionszweig, die Zerreißung der ursprünglichen Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen, ein notwendiges Entwicklungsmoment.“

Wenn wir den Ausdruck, der dem mittleren Teil des Satzes ausmacht, mit einem ganz normalen und ebenbürtigen deutschen Wort übersetzen, also mit dem Wort Arbeitsteilung, wird uns sofort klar, was uns Marx sagen will:

Solange Handwerk und Manufaktur die allgemeine Grundlage der Produktion bilden, ist die Arbeitsteilung ein notwendiges Entwicklungsmoment.

Da haben wir offensichtlich ein typisches Beispiel dafür, wie ein deutscher Philosoph die Trivialitäten in „tiefe“ Gedanken umsetzt. Dies aber nur nebenbei. Wir wissen nun, worum es Marx gehen wird: um die Arbeitsteilung. Die Arbeitsteilung ist, so erklärt uns Marx weiter, die Folge dessen, dass es der Wissenschaft bis dahin noch nicht gelungen ist, das Produktionsverfahren zu erklären. Dies verrät uns angeblich schon die Sprache:

„Es ist charakteristisch, daß bis ins 18. Jahrhundert hinein die besondren Gewerke mysteries (mystères) hießen, in deren Dunkel nur der empirisch und professionell Eingeweihte eindringen konnte.“

Aber gerade dies würde sich im Laufe der industriellen Entwicklung ändern, stellt Marx fest, und zwar dank der Fortschritte bei den Naturwissenschaften:

„,Ne sutor ultra crepidam! ‘ <Schuster, bleib bei deinem Leisten!>, die nec plus ultra handwerksmäßiger Weisheit, wurde zur furchtbaren Narrheit von dem Moment, wo der Uhrmacher Watt die Dampfmaschine, der Barbier Arkwright den Kettenstuhl, der Juwelierarbeiter Fulton das Dampfschiff erfunden hatte.
Die große Industrie zerriß den Schleier, der den Menschen ihren eignen gesellschaftlichen Produktionsprozeß versteckte und die verschiednen naturwüchsig besonderten Produktionszweige gegeneinander und sogar dem in jedem Zweig Eingeweihten zu Rätseln machte. ... Die Technologie entdeckte ebenso die wenigen großen Grundformen der Bewegung, worin alles produktive Tun des menschlichen Körpers, trotz aller Mannigfaltigkeit der angewandten Instrumente, notwendig vorgeht, ganz so wie die Mechanik durch die größte Komplikation der Maschinerie sich über die beständige Wiederholung der einfachen mechanischen Potenzen nicht täuschen läßt.“

Dank der modernen Naturwissenschaften würden sich also alle  Mysterien in der Produktion auf wenige naturwissenschaftliche Gesetze -  große Grundformen der Bewegung - zurückführen, die jeder Mensch problemlos erlernen wird. Die Produktionsprozesse in der Wirtschaft würden also immer transparenter werden. So etwas würde man heute als Reduktion der Komplexität bezeichnen. Diese theoretische Klärung der Produktionsprozesse (Technologien) sollte angeblich eine gewaltige Veränderung in den Produktionshallen hervorrufen. Anders als es in der Vergangenheit der Fall war, in der Zeit der Manufakturen und noch früher,

„bedingt die Natur der großen Industrie Wechsel der Arbeit, Fluß der Funktion, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters. ... die absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse.“
„Was die Teilung der Arbeit in der mechanischen Fabrik kennzeichnet, ist, daß sie jeden Spezialcharakter verloren hat. Aber von dem Augenblick an, wo jede besondere Entwicklung aufhört, macht sich das Bedürfnis nach Universalität, das Bestreben nach einer allseitigen Entwicklung des Individuums fühlbar. Die automatische Fabrik beseitigt die Spezialisten und den Fachidiotismus.“

In Normaldeutsch übersetzt, die große Industrie verlange die Aufhebung der Arbeitsteilung. Sie brauche keinen spezialisierten Arbeiter mehr, sondern nur polyprofessionelle. Für die moderne Industrie sei die Aufhebung der Arbeitsteilung

„eine Frage von Leben oder Tod ... den bloßen Träger einer gesellschaftlichen Detailfunktion, durch das total entwickelte Individuum ersetzen, für welches verschiedne gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind.“

Engels, der sich immer wieder bereit erklärte, die Marxschen philosophisch hochtrabenden Aussagen in eine einfache Sprache zu übersetzen, und sich dabei erfolgreich blamierte, erklärt, dass es in der Zukunft z.B.

„keine Karrenschieber und keine Architekten von Profession mehr geben soll und daß der Mann, der eine halbe Stunde lang als Architekt Anweisungen gegeben hat, auch eine Zeitlang die Karre schiebt, bis seine Tätigkeit als Architekt wieder in Anspruch genommen wird.
Die alte Produktionsweise muß also von Grund aus umgewälzt werden, und namentlich muß die alte Teilung der Arbeit verschwinden. Die produktive Arbeit, statt Mittel der Knechtung, Mittel der Befreiung der Menschen wird, indem sie jedem einzelnen die Gelegenheit bietet, seine sämtlichen Fähigkeiten, körperliche wie geistige, nach allen Richtungen hin auszubilden und zu betätigen, und in der sie so aus einer Last eine Lust wird.“

Wenn also Mao Zedong und seine Studenten während der Kulturellen Revolution die Intellektuellen (Professoren, Ingenieure, ...) in die Dörfer vertrieben haben, damit sie von den Bauern das angeblich richtige und wahre Leben lernen, hatte dies nicht mit irgendwelcher düsteren Schamanenlehre einer hoffnungslos rückständigen nichtwestlichen Kultur zu tun. Es war die direkte Folge des blinden Vertrauens an die Ideen eines Philosophen aus der fortschrittlichen westlichen Zivilisation, Karl Marx, der noch immer bei den Menschen dieser Zivilisation zu den größten Philosophen aller Zeiten zählt.

Wie üblich erklärt Marx auch die Aufhebung der Arbeitsteilung zu einem Gesetz, nämlich zum „allgemeinen gesellschaftlichen Produktionsgesetz“, das sich aber unter der Bedingungen der Kapitalistischen Wirtschaft

„nur als überwältigendes Naturgesetz und mit der blind zerstörenden Wirkung eines Naturgesetzes durchsetzt, das überall auf Hindernisse stößt “

Man höre und staune: Die Kapitalisten versuchen aus aller Kraft die Arbeitsteilung zu retten. Eine in der Tat höchst erstaunliche Feststellung, deren Gültigkeit wir heute gut überprüfen können.

Die Aufhebung der Arbeitsteilung ist eigentlich kaum etwas anderes als das, was man heute als Flexibilisierung und lebenslanges Lernen bezeichnet. Und dagegen sollten sich die Kapitalisten stemmen? So etwas vergrößert doch das Angebot bei allen Berufen, und wo das Angebot steigt, fallen die Preise. Kein Wunder also, dass die Kapitalisten diejenigen sind, die die Flexibilisierung und das lebenslange Lernen heilig sprechen. Sie sprechen zwar nicht von der „universellen Entwicklung des Individuums“, sondern von Selbstbestätigung, was auf dasselbe hinausläuft - allerdings wird der Anspruch auf den Universalismus weggelassen.

Nach dem Menschenbild von Marx sollte der Berufwechsel auch das höchste Bedürfnis des zukünftigen Menschen sein. Aber woher konnte Marx wissen, dass die Arbeiter allmählich auf den Geschmack kommen werden, ständig ihren Beruf zu wechseln? Die dialektische Methode würde so etwas nie verraten. Vielleicht aus Erfahrung? Aus eigener Erfahrung konnte er dies jedoch nicht wissen. Er war bekanntlich Jurist, der in seinem ganzen Leben keinen einzigen Tag in einem Betrieb gearbeitet hat. Er hat davon gelesen. Ein französischer Arbeiter schrieb bei seiner Rückkehr aus San Franzisko:

„Ich hätte nie geglaubt, daß ich fähig wäre, alle die Gewerbe auszuüben, die ich in Kalifornien betrieben habe. Ich war fest überzeugt, daß ich außer zur Buchdruckerei zu nichts gut sei ... Einmal in der Mitte dieser Welt von Abenteurern, welche ihr Handwerk leichter wechseln als ihr Hemde, meiner Treu! ich tat wie die andren. Da das Geschäft der Minenarbeit sich nicht einträglich genug auswies, verließ ich es und zog in die Stadt, wo ich der Reihe nach Typograph, Dachdecker, Bleigießer usw. wurde. Infolge dieser Erfahrung, zu allen Arbeiten tauglich zu sein, fühle ich mich weniger als Molluske und mehr als Mensch. (A. Corbon, „Der l'enseignement professionnel“ , 2ème éd. p. 50.)“

Solche „Beweisführung“ kommt uns doch irgendwie bekannt vor. Ja, sie ist die beliebteste „wissenschaftliche Methode“ einer überwältigenden Zahl unserer heutigen so genannten Experten, Analytiker und Professoren. Man geht ungefrühstückt im Zickzack spazieren, gerät auf einen Exoten, und schon erklärt man ihn - wenn es zur eigenen „Theorie“ passt - zum Vorboten eines neuen Zeitalters. Erinnern wir uns z.B. an den deutschen Sozialhilfeempfänger „Florida-Rolf“, der am sonnigen Florida gefaulenzt hat, den man dann durch alle Talkshows bis zum Umfallen vorexerzierte, um damit die Harzreformen, also die sozialdemokratische Umverteilung von unten nach oben, zu rechtfertigen.

Der „frühe“ und der „späte“ Marx

An der anthropologischen Deutung der Arbeitsteilung ist am deutlichsten zu erkennen, warum die Marxanalytiker vom „frühen“ und „späten“ Marx sprechen. Die vorgelegten Zitate über die Arbeitsteilung stehen im ersten Band des Kapitals (1867) und in den Werken, die etwa bis zu dieser Zeit von Marx geschrieben worden waren. In den restlichen zwei Bänden, die erst im Jahre 1885 und 1893 erschienen sind, erfahren wir nichts mehr davon. Was wir knapp vor Ende des Kapitals zur Gesicht bekommen, verschlägt uns den Atem:

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. ... Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit.“

Gab es je einen wissenschaftlichen Selbstmord, der mit größerem Pomp und auf eine derart feierliche Art vollzogen wurde? Ließe sich daraus schließen, dass Stalin Recht hatte, als er dem Proletariat alle wirtschaftlichen Kompetenzen wegnahm uns sie in die Hände der Technokratie übergab? Sollte die Managerwirtschaft die zukünftige Wirtschaftsordnung sein?

Über die Managerwirtschaft, als die zukünftige Wirtschaftsordnung wurde nach der großen Wirtschaftskrise und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg heftig diskutiert, und zwar nicht nur im marxistischen, sondern auch im bürgerlichen Lager. Viele haben sich der These angeschlossen, dass sowohl die westliche Marktwirtschaft als auch die sowjetische parteigelenkte Wirtschaft zu einer monopolistischen Managerwirtschaft konvergieren. Der bekannteste westliche Ökonom, der diese „Konvergenzthese“ seinerzeit sehr populär machte, war John Kenneth Galbraith (1908-2006). Ja, so ein Loblied vom Manager ewiger Güte wie er konnte keiner singen! Heute wissen wir, wie die wahre Geschichte verlaufen ist. Die westliche Wirtschaft kehrte in den menschenverachtenden Raubtierkapitalismus des 19. Jahrhunderts zurück, und die kommunistische Planwirtschaft ist zusammengebrochen. Eine „Konvergenz der Systeme“ würde ganz anders aussehen. Stalin hat also kein Modell einer erfolgreichen Wirtschaftsordnung entworfen. Aber eins muss man ihm lassen. Er hat die Auffassung des späten Marx so in die Praxis umgesetzt, wie es überhaupt möglich war:

1 - Stalin hat das private Kapital aufgehoben. So hat es auch Marx immer verlangt.

2 - Marx war bis zu seinem Tod fest davon überzeugt, als Ökonom „nachgewiesen“ zu haben, dass die Produktivitätssteigerung immer mehr Kapital und immer größere Produktionseinheiten verlange. Stalin hat dementsprechend die ganze Wirtschaft, so weit es überhaupt möglich war, in große Monopole zusammengeschlossen.

3 - Wenn die Arbeiter doch nicht imstande sind, die ihnen anvertrauten Betriebe zu verwalten, und eine Planung von unten unmöglich ist - dies hat das Leninsche Experiment mit den Räten in aller Deutlichkeit gezeigt -, blieb nichts anderes übrig, als die Planung den Experten zu überlassen. Damit wäre der „frühe“ Marx nie einverstanden, mit dem „späten“ Marx ist es aber zumindest kompatibel.

Diese, durch Manager und Technostruktur verwaltete Monopolwirtschaft würde bestimmt gut funktionieren, wenn es richtig wäre, dass sich die Produktivität der Wirtschaft durch Kapitalanhäufung steigern lässt. Diese Art der Produktivitätssteigerung wäre damit auch eine großartige Bestätigung des dialektischen Gesetzes vom Übergang der Quantität (konkret des Kapitals) in Qualität (konkret die Produktivität). Wir haben bisher über dieses „Gesetz“ nicht sprechen wollen, weil es so aberwitzig und absurd ist, dass es in einer seriösen Analyse nichts verloren hat. Aber gerade dieses Gesetz war der ganze Stolz der dialektischen Philosophie.

 
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