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  Der Ursprung des Privateigentums und seine Erklärungen bzw. Konzeptionen
  Smith' Kritik des fremdverwalteten Eigentums am Beispiel der Aktiengesellschaften
       
 
Das Management erhält sich selbst. Verantwortung gegenüber der Gesamtheit der Aktionäre steht praktisch nur auf dem Papier. Jede Managergeneration schafft sich ihre eigenen Nachfolger, ihre Mitläufer und Lakaien nach eigenen Maßstäben und Werten. Die Managerkarriere kennt zwei typische Arten des Aufstiegs: innerhalb desselben Unternehmens von einer niedrigeren zu einer höheren Stellung sowie von einer kleineren Gesellschaft zu einer größeren. Als Gipfel des Erfolgs gilt es, bei einer der größten Gesellschaften Generaldirektor oder Aufsichtsratsvorsitzender zu werden.
 
    Paul A. Baranein US-amerikanischer, marxistisch orientierter Ökonom    
 
Ich gehe gerne in die Börsensäle, denn nirgends auf der Welt kann ich pro Quadratmeter so vielen Dummköpfen begegnen.
 
    Andre Kostolanyeiner der bekanntesten Börsenspekulanten des vorigen Jahrhunderts    

In diesem letzten Betrag zum Ursprung des Privateigentums soll nicht nur das, was der Titel ankündigt, behandelt, sondern auch das bereits Gesagte kurz zusammengefasst werden. Letzteres tun wir, um die Auffassung von Smith besser gedanklich einzuordnen und ihre Besonderheiten hervorzuheben.

Smith hat seine Auffassungen und Konzeptionen natürlich nicht aus dem Nichts entworfen. Und auch die Moderne, wie originell sie auch sein mag, ist nicht dem Nichts entsprungen, sondern sie hat viele und tiefreichende Wurzeln in der Vergangenheit. Ihre zwei axialen ethischen Prinzipien, Gleichheit und Verdienst sind sogar uralt. Schon vor Jahrtausenden wurde unter Gerechtigkeit vor allem eine Verteilung nach Verdienst (Leistung) verstanden. Es lässt sich zwar nicht daran zweifeln, dass sich in der Denkweise der Moderne ein völlig neuer Bezug zu den Tatsachen entwickelte, nämlich eine empirische Auffassung von ihnen, so wie wir es von den erfolgreichen Wissenschaften heute kennen. Damit soll aber trotzdem nicht gesagt werden, dass die vormodernen Denker den Tatsachen gegenüber blind waren. Viele ihre Beobachtungen lassen sich immer noch als wissenschaftlich brauchbare empirische Tatsachen verwenden, und einige davon sind heute nicht weniger relevant als sie es offensichtlich schon damals waren. Unter anderem haben die Denker schon vor langer Zeit nicht die Tatsache übersehen, dass die Mächtigen und Herrscher nichts von der Verdienstgerechtigkeit halten, auch dann nicht, wenn sie selbst von Gerechtigkeit und Verdienst reden. Zum Beispiel sagt Thrasymachos im Dialog mit Sokrates, dass in Wahrheit „das Gerechte nichts anderes ist als das dem Stärkeren Zuträgliche“. Gerecht sei also das, was den Stärkeren und Mächtigen nützt. Allgemein gesprochen, haben die vormodernen Denker daraus schlussfolgert, dass eine bessere Gesellschaft von der Art sein müsste, die gerechter ist im Sinne der Redewendung „jedem das seine“, wie es schon Aristoteles, Platon und Sokrates gemeint haben. Und jeder von ihnen hat sich eine eigene Vorstellung davon gemacht, was das Seine ist, so dass zahlreiche Gerechtigkeitsauffassungen entstanden sind. Und so ging es mit der Gerechtigkeit nach Verdienst weiter. Man könnte sagen, es gab schon immer für jeden seine eigene Verteilungsgerechtigkeit.

Mit neuer Entschlossenheit haben dann Rousseau und die Sozialisten neue Suche nach der Verteilungsgerechtigkeit begonnen. Sie haben richtig gesehen, dass in den neuen kapitalistischen Ordnungen das Privateigentum zur Basis der Macht und Herrschaft geworden war und der Profit nichts anderes als das ist, was früher die Untertanen als feste Abgaben ihren Herren liefern mussten - sei es in Naturalien oder als unbezahlte Arbeitspflichten. Bis dahin hatten sie zweifellos Recht, falsch war aber die Vorstellung, mit dem Verschwinden des Privateigentums würden sich alle wesentlichen Probleme der Menschheit in Luft auflösen. Sogar die menschliche Natur sollte sich schlagartig verbessern. Diesen dialektischen Quantensprung im Bewusstsein der Menschen nach der Aufhebung des Privateigentums hat Marx mit seiner dialektischen Methode - der unsinnigsten Entdeckung der deutschen Philosophie - „exakt“ nachgewiesen.

Smith, wie alle bedeutenden Denker der Moderne, konnte sich keine große moralische Wende bei den Menschen vorstellen. Er glaubte aber an den Fortschritt, der durch die Verbesserung der existentiellen Umstände der Menschen zustande kommen wird, wenn man Armut, Mühsal, Krankheit und Unsicherheit verringert. Dafür konnte, seiner Meinung nach, nur die Steigerung der Produktivität sorgen, deshalb wurde aus dem Moralphilosophen ein Ökonom. In seiner Konzeption der mikroökonomischen Effizienz war es entscheidend, dass das Kapital im Besitz des Geschäftsführers bleibt. Er war sich sehr wohl bewusst, dass man damit die Macht in die Hände weniger gibt, er ging aber auch davon aus, dass sich durch die Konkurrenz diese Macht des Kapitalbesitzers den Beschäftigten gegenüber auf ein erträgliches Niveau verringern würde. Das ist die Grundidee seiner Konzeption der Marktwirtschaft. Wenn es um die mikroökonomische Effizienz geht, hat Smith mit dem Privatkapital eine Konzeption entworfen, die so erfolgreich war wie keine andere davor oder danach. Er hat diese in seiner Kritik der Aktiengesellschaften am deutlichsten beschrieben, die wir uns jetzt näher anschauen werden. Es könnte aber ein falscher Eindruck entstehen, wenn wir es beim Lob dieser erfolgreichen mikroökonomischen Lösung von Smith belassen würden, ohne zumindest in Grundzügen seine weniger erfolgreiche makroökonomische Vision zu erwähnen. Das eine kann man vom anderen in der Tat nicht trennen und das Verbindungsglied dazwischen ist eben das Eigentum, das hier im Mittelpunkt steht. Die makroökonomischen Schwächen und Fehler der marktwirtschaftlichen Ordnung von Smith haben aber nicht nur mit dem Privatkapital zu tun. Dazu wollen wir jetzt auch noch etwas sagen, aber nur das Nötigste.

John S. Mill (1806-1873) und die Vollendung der frühliberalen Vision der Marktwirtschaft

Im „klaren und einfachen System der natürlichen Freiheit“, wie Smith seine ökonomische Konzeption bezeichnet, ist die Konkurrenz das wichtigste Prinzip auf dem die ganze Ordnung der Marktwirtschaft beruht: ihr modus operandi. Die Konkurrenz soll dafür sorgen, dass die Macht des einen durch die Gegenmacht des anderen beschränkt wird. Smith ging es vor allem um die Machtbeschränkung der Unternehmen, um zu verhindern, dass es zur Bildung von  Monopolen kommen wird. Diese Idee von Konkurrenz ist das genialste Regelwerk der menschlichen Verhältnisse, die dem menschlichen Geist je eingefallen ist. Smith hatte auch eine klare Vorstellung davon, warum durch die Konkurrenz die Macht der Besitzlosen steigen würde. Kurz zusammengefasst:

„Durchs Sparen steigt die Kapitalmenge, es wird investiert und damit steigt automatisch auch die Nachfrage nach Arbeitskräften. Die stärkt zuglich die Verhandlungsposition der Arbeiter, die einen immer größeren Anteil von dem, was sie erwirtschaften, erzwingen können.“

Der letzte große liberale Ökonom, der nicht die geringsten Zweifel an dieser Vision hegte, war John Stuart Mill (1806-1873). Er und Marx waren Zeitgenossen, die sogar nicht weit voneinander entfernt lebten. Marx hielt von dieser Auffassung nichts, er sah im Kapitalismus eine brutale Klassengesellschaft, die tendenziell von unten nach oben umverteilt und auch noch periodische Krisen durchläuft. Folglich hat er auch Mill immer wieder kritisiert.  Dieser tat sein Leben lang einfach so, als ob es Marx gar nicht gäbe. Man kann zwar Mill nicht unterstellen, die brutale Realität nicht wahrgenommen zu haben, jedoch war es für ihn unvorstellbar, dass dies die Folge der Marktwirtschaft sei. Aber wer sonst soll daran schuldig sein? Wenn man die Probleme des Kapitalismus damals nicht der Marktwirtschaft anlasten wollte, war es üblich, das eigene Gewissen mit dem sogenannten malthusschen „Bevölkerungsgesetz“ zu beruhigen: Würden die Armen nicht so viele Kinder in die Welt setzen, würde das Sparen die Arbeitslosigkeit besiegen. Von einem Marktversagen könne also keine Rede sein, nur die Menschen seien an allem schuld. In den Augenblicken des Zweifels kam Mill schon auf den Gedanken, dass die nicht ausreichenden Investitionen auch damit zu tun haben könnten, dass die Reichen nicht sparen, sondern die Profite verprassen. Wie schon Smith ein Jahrhundert davor, hat auch er dafür klare Worte des Tadels und der Empörung gefunden:

„Ich weiß nicht, weshalb man sich dazu beglückwünschen soll, dass Menschen, die bereits reicher sind als irgendeiner nötig hat, ihre Mittel verdoppeln, um etwas zu verbrauchen, was außer als Schaustellung ihres Reichtums nur wenig oder gar keine Freuden verschafft oder dass einzelne Personen in jedem Jahre aus dem Mittelstande zu den reicheren Klassen oder von den Erwerbstätigen zu den Unbeschäftigten übergehen.“ ... >

Das konnte der neuen herrschenden Klasse natürlich gar nicht gefallen. In seinen späteren Jahren hat es sich Mill mit den Kapitalbesitzern endgültig verscherzt, ja ihnen sogar richtig Angst eingejagt. Am Ende der spontanen Entwicklung der freien Marktwirtschaft, so seine Vorhersage, würde es zu einem Stillstand der Kapital- und Bevölkerungszunahme kommen. Durch steigende Nachfrage nach Arbeit würden die Arbeiter immer mehr ihre Rechte durchsetzen und ihren Einfluss auf die Produktion ausweiten, weswegen die Kapitalbesitzer an Macht und Privilegien drastisch einbüßen müssten. So würde der Kapitalismus sozusagen spontan in den Sozialismus übergehen.

Schumpeter nannte Mills Auffassung über die Entwicklung des Kapitalismus treffend „evolutionärer Sozialismus“. Für die kapitalistischen Herrscher, die von Mill bedingungslose Verteidigung und Rechtfertigung der freien Marktwirtschaft erwartet haben, war das eine unverzeihliche Sünde und sie haben etwas Wichtiges verstanden. Ihnen wurde klar, dass auf den Grundlagen der Marktwirtschaftslehre von Adam Smith keine Legitimation des real existierenden Kapitalismus möglich ist. Man musste schnellstmöglich eine neue gedankliche Konzeption für die Marktwirtschaft heranschaffen, in der die Hintergründe des parasitären Lebens der Kapitalbesitzer sowie ihre Macht und Privilegien verborgen bleiben würden. Die Dampflokingenieure Walras und Pareto haben sich in der klassischen newtonschen Physik umgeschaut und dort die rettende Idee gefunden. Aus dem partikel-mechanischen Modell haben sie das Modell des allgemeinen Gleichgewichts zusammengestückelt, das zwar jenseits jeder Realität liegt und für wissenschaftliche Zwecke völlig unbrauchbar ist, das aber der Verteidigung der Interessen der Reichen und der Kapitalbesitzer um so besser dient.mehr

Könnte man von Pech für Smith reden, dass gerade Mill derjenige war, der seine Theorie weiterentwickeln würde? Eigentlich nicht, vorausgesetzt man will im analytischen Rahmen der Denkweise von Smith bleiben. Für Smith galt es bekanntlich als selbstverständlich, dass die freie Marktwirtschaft in der Lage sein muss, stabil zu funktionieren. Warum auch nicht? Bei keiner vorkapitalistischen Wirtschaft konnte man beobachten, dass sie ohne irgendwelche starken Einflüsse von außen zusammenbrach. Wie hätte es Smith überhaupt in den Sinn kommen können, dass so etwas der Marktwirtschaft passieren wird? Die Erfahrung sagt aber, dass dem so ist. Eine sich selbst überlassene, also freie (laissez-faire) Marktwirtschaft kann immer nur eine zeitlang problemlos wachsen, und wenn sie wächst, steigert sie zugleich ihre Produktivität, und zwar so erfolgreich, wie es keiner anderen ökonomischen Ordnung je gelungen ist. Diese mikroökonomische Eigenschaft ist ihr großer komparativer Vorteil. Wenn aber Wachstum und Produktivitätssteigerung aufhören, dann bricht die marktwirtschaftliche Ordnung zusammen, ohne dass man dafür irgendwelche äußeren Ursachen feststellen kann. Die freie Marktwirtschaft lässt sich mit einem Fahrrad vergleichen: Tritt man nicht mehr in die Pedale, fällt man um. Smith konnte das nicht einmal ahnen. Er hat nur den Anfang des Kapitalismus erlebt und noch keine seiner späteren periodischen Wirtschaftskrisen. Was Smith nicht ahnen konnte, wollte Mill - ein Jahrhundert später - einfach nicht wahrnehmen.

Erst dank der neuen Wissenschaft der Kybernetik können wir heute gut verstehen, was bei den periodischen Wirtschaftskrisen geschieht. Die Marktwirtschaft ist ein geregeltes System, das aber nicht gut geregelt ist. Schlecht geregelte Systeme, das weiß man schon aus der Technik, in der die Prinzipien der Regelung zuerst studiert wurden, haben ein Stabilitätsproblem: Sie verlaufen zyklisch und brechen immer wieder zusammen. Die Marktwirtschaft von Smith ist ein solches schlecht geregeltes System. Erwähnen wir jetzt nur kurz, dass die Ursache, warum die Marktwirtschaft immer wieder zusammenbricht, der Nachfragemangel ist. Daraus lässt sich schließen, dass wir das System der freien Konkurrenz mit Regelungen nachrüsten müssen, die verhindern, dass ein kumulativer Prozess der Nachfrageschrumpfung stattfindet. Die Konkurrenz ist für diesen fatalen Prozess nicht direkt verantwortlich, weswegen man das Regelwerk von Smith ohne Bedenken beibehalten kann - man sollte das sogar unbedingt tun. Smith hat also nichts falsch gemacht, er hat nur nicht die ganze Arbeit geleistet. Aber schon mit dem, was ihm gelungen ist zu errichten, hat er genug geleistet, um mit vollem Recht zu den Größten der Wirtschaftswissenschaft zu zählen.

Wenn es aber um die ökonomische Effizienz auf der Mikroebene geht, hat Smith doch die ganze Arbeit geleistet. Bis heute ist noch keinem eine bessere Lösung eingefallen. Wie bereits angedeutet, lässt sich die Auffassung der mikroökonomischen Effizienz von Smith an seiner Kritik der Aktiengesellschaften am einfachsten verdeutlichen.

Aktiengesellschaften als Geschäfts- und Eigentumsmodell mit falschen Anreizen

Aktiengesellschaften sind große Unternehmen, so dass sie schon als solche in sich monopolistische Kräfte bergen. Das war Smith völlig klar und deshalb hat er sie auch deswegen kritisiert. Aber ein anderer Grund ist ihm noch wichtiger: Er sieht in den Aktiengesellschaften kein Modell für mikroökonomische Effizienz, weil es sich um eine Organisationsform handelt, in der Verwaltung und Eigentum getrennt sind: Diejenigen, die das Unternehmen führen, sind nicht Kapitalbesitzer, und diejenigen die Kapitalbesitzer sind, haben mit dem Geschäft nichts zu tun. Was in einer Aktiengesellschaft alles falsch läuft, kritisiert Smith am Beispiel der Südsee-Gesellschaft:

„Sie hatte ein ungeheures, unter sehr viele Aktionäre verteiltes Kapital. Es war daher zu erwarten, daß Torheit, Nachlässigkeit und Verschwendung in der Geschäftsführung einreißen würden.“ ... >

Für Smith ist es entscheidend, dass das Kapital einer Aktiengesellschaft vielen gehört. Ob auch der Staat einen Teil der Aktien besitzt, ist für ihn ohne Belang. Es ist nicht der Staat, der die Quelle des Problems ist, weswegen Smith im Allgemeinen von Aktiengesellschaften spricht, bei denen das Kapital von kleinen privaten Aktionären stammt. Von diesen könnte man annehmen, dass sie sehr interessiert sind, die Geschäftsführung zu kontrollieren, weil „Torheit, Nachlässigkeit und Verschwendung“ auf Kosten ihres eigenen Kapitals gehen. Der Moralphilosoph und Menschenkenner Smith lässt sich aber nicht von solchen oberflächlichen Eindrücken täuschen. Er fand heraus, warum Aktionäre trotzdem niemals gute Kontrolleure sein können, so dass die Geschäftsführung auch niemals gute Arbeit leisten wird:

„Die Geschäfte einer Aktiengesellschaft werden stets durch ein Direktorium geführt, das allerdings in vielen Beziehungen der Aufsicht einer Generalversammlung der Aktionäre unterworfen ist; der größte Teil der letzteren macht indes fast niemals den Anspruch, etwas von den Geschäften der Gesellschaft zu verstehen, und kümmert sich, wenn nicht gerade Zwiespalt unter ihnen herrscht, nicht darum, sondern begnügt sich, die halbjährliche oder jährliche Dividende zu erhalten, welche die Direktion zu verteilen für angemessen hält. ... Da indes die Direktion solcher Gesellschaften mehr die Verwalter des Geldes anderer, als des eigenen sind, so läßt sich nicht wohl erwarten, daß sie darüber mit derselben ängstlichen Sorgfalt wachen werden, mit der die Teilhaber einer Privatgesellschaft über das ihrige zu wachen pflegen. Gleich den Haushofmeistern eines reichen Mannes betrachten sie gern die Bedachtnahme auf Kleinigkeiten als unverträglich mit der Ehre ihres Herrn, und ersparen sie sich deshalb leicht. Nachlässigkeit und Verschwendung muß also in der Geschäftsführung einer solchen Gesellschaft immer mehr oder weniger herrschen. Dies ist der Grund, warum Aktiengesellschaften für auswärtigen Handel selten imstande sind, die Konkurrenz von Privaten zu ertragen. Sie haben daher ohne ein ausschließliches Privilegium auch nur selten Erfolg gehabt, und hatten oft auch mit einem solchen keinen. Ohne ein ausschließliches Privilegium haben sie die Geschäfte gewöhnlich schlecht besorgt; mit einem solchen besorgten sie die Geschäfte schlecht, und schränkten sie ein.“ ... >

Die von Smith angesprochenen Probleme hat Aristoteles mit noch einfacheren und verständlicheren Worten als Probleme des gemeinsamen Eigentums beschrieben.

„Was den meisten gemeinsam ist, erfährt am wenigsten Fürsorge. Denn um das Eigene kümmert man sich am meisten, um das das Gemeinsame weniger oder nur soweit es den einzelnen angeht. Denn, abgesehen von übrigen, vernachlässigt man es eher, weil sich doch ein anderer darum kümmern wird, so wie auch in den häuslichen Dienstleistungen viele Diener zuweilen weniger leisten als wenige.
Im Allgemeinen ist das Zusammenleben und die Gemeinschaft in allen menschlichen Angelegenheiten schwer. ... Denn das streiten sich die meisten wegen Alltäglichkeiten und Kleinigkeiten und geraten aneinander.
Wir sehen auch, dass solche, die einen gemeinsamen Besitz haben und ihn gemeinsam benutzen, viel mehr Streit miteinander haben als die Besitzer von Privateigentum.
Die Gemeinschaft des Besitzes hat also diese und ähnliche Schwierigkeiten. ... Wenn jeder für das Seinige sorgt, werden keine Anklagen gegeneinander erhöben werden.“ ... >

Als Aristoteles diese Probleme beobachtete, steckte die Arbeitsteilung noch in den Kinderschuhen und die Produktionseinheiten waren unvergleichbar kleiner. Das heißt, damals konnten die Beteiligten - mehr oder weniger - begreifen, was bei der Produktion vor sich geht. Das hat sich drastisch geändert. Wenn ein Aktionär die Arbeit der Geschäftsführung überwachen sollte, müsste er große Mengen von Informationen haben und auch noch die Kompetenz besitzen, diese auszuwerten. Und er würde dafür sehr viel Zeit brauchen, was in keinem Verhältnis zu dem stehen kann, was ihm sein Anteil an Aktien als Dividende erbringt. Die Dividende kann kein Ansporn für den Aktienbesitzer sein, das Direktorium zu kontrollieren. Richtige Gewinne macht man bekanntlich mit Aktien nur dann, wenn man solche kauft, die noch billig sind, deren Wert aber steigen wird. Man muss also Aktien von einer Gesellschaft kaufen, über die man gar nichts weiß, denn solange man keine ihrer Aktien besitzt, hat man nicht einmal rein formal und juristisch das Recht auf irgendwelche Informationen über die Aktiengesellschaft. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass es so viele gibt, die Glaskugel-Berufe ausüben - die „Spezialisten“ und „Experten“ der zahlreichen Ratingagenturen. Das ganze Aktiengeschäft ist also nur ein irrationales Verschieben des Kapitals hin und her, von dem immer nur sehr wenige Aktionäre die viel Glück haben, aber praktisch immer die Geschäftsführer der Aktiengesellschaften profitieren.

Man kann hier das bekannte Bild vom Mann mit dem Hund von Börsenaltmeister Kostolany erwähnen. Wenn das Herrchen aufsteht, ist der Hund schon an der Türe und will raus. Öffnet der Mann die Türe, rennt der Hund aus dem Haus, links die Straße runter - bis er merkt, dass der Mann rechts abbiegt. Dann flitzt er wie ein Irrer zurück und geradeaus über die nächste Kreuzung, bis er merkt, dass der Mann da links abgebogen ist und so geht es weiter. Mit dem Hund sind die „Spezialisten“ und „Experten“ auf dem Börsenparkett und aus der Finanzwelt gemeint, mit dem Mann die reale Wirtschaft.

Wenn die Aktienbesitzer doch viel Interesse für das Geschäft der Aktiengesellschaft zeigen, dann kann das nur einen Grund haben, so Smith:

„Wenn der Aktionär diesen Einfluß nur ein paar Jahre üben und dadurch einige seiner Freunde versorgen kann, so macht er sich oft wenig aus der Dividende, oder selbst aus dem Kapital, auf dem sein Stimmrecht beruht.“ ... >

Da kann uns sofort in den Sinn kommen, dass man strengere Gesetze machen könnte, damit man durch Abschreckung die Geschäftsführung zwingt das Beste zu tun, was in ihrer Macht steht. Aber warum wird das nicht gehen, vor allem in einem Rechtsstaat nicht? Die großen Aktiengesellschaften haben bekanntlich gewaltige Teams von Juristen, die in einem Boot mit den Geschäftsführern sitzen, die sehr darauf achten, das alles was die Aktiengesellschaft unternimmt mit den gültigen Gesetzen in Einklang steht. Und wenn die Gesetze im Wege stehen, dann schicken die Aktiengesellschaften ihre Lobbyisten los, die Politiker zu korrumpieren - wie man weiß mit erstaunlichem Erfolg. Mit einem Wort: Die Macht der Kapitaleigner in den Aktiengesellschaften ist gleich Null. Sogar eine völlig unfähige Geschäftsführung zu entlassen ist gar nicht einfach, wie schon Mill feststellte:

„Man kann zwar einwerfen, daß die Aktionäre in ihrer Gesamtheit eine gewisse Aufsicht über die Direktoren ausüben, und fast immer die unbeschränkte Möglichkeit haben, sie zu entlassen. Praktisch ist indessen die Schwierigkeit der Ausübung dieser Macht so groß, daß kaum jemals von ihr Gebrauch gemacht wird, außer in Fällen ganz offensichtlicher Unfähigkeit oder mindestens unglücklicher Geschäftsführung.“ ... >

Wenn eine Aktiengesellschaft wirklich ruiniert ist, verabschieden sich die Geschäftsführer dann auch noch mit „goldenen Fallschirmen“, also Abfindungen die fast jeder Vorstellungskraft trotzen. Auch Smith stellte resignierend fest:

„Durch Veränderung hoffte man, sowohl der Generalversammlung wie dem Direktorium mehr Würde und Festigkeit, als bisher, zu verleihen. Aber es scheint unmöglich zu sein, diese beiden Körperschaften zur Regierung eines großen Reiches oder auch nur zur Teilnahme daran geeignet zu machen, weil der größte Teil der Mitglieder zu wenig Interesse an der Wohlfahrt dieses Reichs hat, um seiner Förderung eine ernste Aufmerksamkeit zu widmen.“ ... >

Dem scharfen Auge von Smith konnte nicht entgehen, dass nicht jede ökonomische Tätigkeit gleich komplizierte Organisationsstrukturen und Produktionsmethoden benötigt. Es gibt auch Bereiche, die sehr einfach und transparent sind. Für diese könnten nach Smith auch Aktiengesellschaften gut geeignet sein kann, sogar der Staat könnte bei solchen Fällen erfolgreich wirtschaften.

„Die einzigen Geschäftszweige, die eine Aktiengesellschaft auch ohne Monopol mit Erfolg betreiben kann, sind diejenigen, deren Tätigkeiten sich auf sogenannte Routine, d. h. auf so gleichförmige Regeln zurückführen lassen, daß Schwankungen mehr oder weniger ausgeschlossen sind. Von dieser Art sind erstens die Bankgeschäfte, zweitens die Versicherung gegen Feuer- und Seegefahr und gegen Kaperei im Kriege, drittens die Anlage und Unterhaltung schiffbarer Kanäle, viertens die Wasserversorgung einer großen Stadt.“ ... >

Aber Stromnetze, Kraftwerke, Autobahnen und Flughafen hat Smith nicht dazugezählt - nein, die gab es damals nicht. All die Privatisierer, die für seine selbsternannten Nachfolger seit drei Jahrzehnten über alle Zweifel erhabenen Leistungsträger sind, eigentlich noch viel mehr und zwar in jeder Hinsicht bedeuten, wären für Smith nicht einfach nur „Menschen, die wie alle dort ernten mögen, wo sie niemals gesät haben“. Erwähnen wir noch dazu, dass Smith das, was Gott allen Menschen gegeben hat, etwa Kohlengruben und Ackerboden, auch wenigen überließ. Ja, aber sie sollten die Gemeinschaft durch progressive Steuern entschädigen.

Und auch noch eine Chance gibt Smith den Aktiengesellschaften. Die Aktien einer Aktiengesellschaft müssen nämlich nicht so gleichmäßig verteilt werden, dass es nur kleine Aktionäre gibt. Es kann auch große Aktionäre geben, für die es sich lohnen würde, der Geschäftsführung auf die Finger zu sehen. Als Beispiel nimmt Smith die Hudson Bay-Gesellschaft:

„Eine Aktiengesellschaft mit geringem Grundkapital, das nur wenigen gehört, kommt dem Charakter einer privaten Teilhabergesellschaft sehr nahe und mag auch mit nahezu gleicher Umsicht und mit Bedacht geführt werden können.“ ... >

Es ist nicht schwierig, sich ein vollständiges Bild davon machen, wie die Marktwirtschaft nach Smith aussehen sollte. Dominieren sollen kleine Unternehmen, die vom Kapitalbesitzer verwaltet werden, bei den größeren Unternehmen soll es wenige große Teilhaber geben, denen den Großteil des Kapitals gehört, und die einfachen Tätigkeiten können auch Aktiengesellschaften oder sogar Monopolen überlassen werden können, an denen auch der Staat beteiligt sein darf. Ein solches „klares und einfaches System der natürlichen Freiheit“ würde nach Smith nachhaltig funktionieren und Wohlstand für alle schaffen. Das war ein großer Irrtum. Wie bereits gesagt, hat ein solches System einen Konstruktionsfehler. Durch eine kumulative Nachfrageschrumpfung bricht es periodisch zusammen. Aber damit nicht genug. Wenn das Eigentum so organisiert und gestaltet werden soll, wie er sich das vorgestellt hat, weil nur dann die maximale mikroökonomische Effizienz zu erreichen ist, wer sollte dafür sorgen? Smith hat sich gewaltig darin geirrt, dass die freie Marktwirtschaft spontan zur Konkurrenz führen würde. Spontan führt sie zur parasitären Monopolstrukturen. Auch die Schelten eines Moralphilosophen können dagegen nichts bewirken, warum auch, wenn nicht einmal die Versicherung von Jesus, den Reichen sei kein Zutritt zum Paradies möglich, gar nichts gebracht hat.

Hobbes scheint dieses Problem geahnt zu haben. Er war der erste ökonomische Liberale, der der Wirtschaft alle Freiheiten überlassen wollte, aber zugleich der Politik bzw. dem absolutistischen Staat (Leviathan) alle Macht einräumte mit starker Hand zu korrigieren, wenn in der Wirtschaft etwas schief gehen sollte. Was wir heute sehen können, gibt Hobbes Recht. Nur in Nationen mit starkem Staat, wie China und Russland, schafft die Wirtschaft Wohlstand für alle. In den westlichen liberalen Gesellschaften, in denen der Staat nur ein Handlanger der Reichen und Kapitalbesitzer ist, läuft ein Prozess der brutalstmöglichen Entrechtung, Ausplünderung und Versklavung des Volkes ab.

Die Erfahrung mit dem nichtprivaten Kapital zwei Jahrhunderte nach Smith Tod

Seitdem es den Kapitalismus gibt, wurde bekanntlich nie verboten, dass die Beschäftigten die Produktionsmittel kollektiv besitzen. Diese Form des Eigentums ist also keine Erfindung der sozialistischen oder kommunistischen Theoretiker. Solche Genossenschaften unterscheiden sich von Aktiengesellschaften nur gering. Allerdings ist bei den Genossenschaften die Trennung zwischen der Verwaltung und Eigentum noch viel stärker. Weil in den Genossenschaften auch noch kein Eigentumsbesitzer seinen Anteil verkaufen kann, ist das Interesse der formalen Eigentümer die Verwaltung zu kontrollieren folglich noch geringer als bei den Aktiengesellschaften. Das Eigentum wird von niemandem geschützt und damit zur leichten Beute der Beschäftigten, die es allmählich zu ihrem Einkommen machen und es vernichten - wie wir es im vorigen Beitrag gezeigt haben. Ein Vorteil für die Beschäftigten gegenüber privaten Unternehmen ist, dass sie in einer Genossenschaft niemandem ein leistungsloses Einkommen, also Profit, zahlen müssen. Da liegt der Gedanke nahe, dass dies für die Genossenschaften ein großer Vorteil im Wettbewerb sein müsste. Die Erfahrung zeigt aber in aller Deutlichkeit, dass solche Unternehmen trotzdem nie erfolgreich sind, wie es schon Mill feststellen konnte:

„Auch werden solche Genossenschaften auf die Dauer sich nicht gegen den privaten Wettbewerb behaupten können; denn die Geschäftsführung privater Betriebe durch eine einzige Person, die hauptsächlich an ihnen Interesse hat, hat gegenüber jeder gemeinsamen Geschäftsführung große Vorteile.“ ... >

Später hat der sozialdemokratische Theoretiker und Politiker Eduard Bernstein (1850 - 1932) in einer Artikelserie „Probleme des Sozialismus“ begonnen darauf aufmerksam zu machen. Er hat seine Schlussfolgerungen in dem Buch Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie systematisch dargestellt, das zum roten Tuch für alle Marxisten und Kommunisten geworden ist.

„Man greife welche Geschichte des Genossenschaftswesens man will, heraus, und man wird überall finden, dass sich die selbstregierende genossenschaftliche Fabrik als unlösbares Problem herausgestellt hat, dass sie, wenn alles übrige passabel ging, am Mangel an Disziplin scheiterte. ... Für die Aufgaben, welche die Leitung eines Fabrikunternehmens mit sich bringt, wo Tag für Tag und Stunde für Stunde prosaische Bestimmungen zu treffen sind und immer Gelegenheit zu Reibereien gegeben ist, da geht es einfach nicht, dass der Leiter der Angestellte der Geleiteten, in seiner Stellung von ihrer Gunst und ihrer üblen Laune abhängig sein soll. Noch immer hat sich das auf die Dauer als unhaltbar erwiesen und zur Veränderung der Formen der genossenschaftlichen Fabrik geführt. Kurz, wenn die technologische Entwicklung der Fabrik auch die Körper für die kollektivistische Produktion geliefert hat, so hat sie die Seelen keineswegs in gleichem Maße dem genossenschaftlichen Betrieb näher geführt. Der Drang zur Übernahme der Unternehmungen in genossenschaftlichen Betrieben mit entsprechender Verantwortung und Risiko steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Größe. Die Schwierigkeiten aber wachsen mit ihr in steigender Proportion. ... Die Reibungen zwischen den verschiedenen Abteilungen und den so verschiedenen gearteten Kategorien von Angestellten würden kein Ende nehmen. Dann würde sich aufs Klarste zeigen ..., dass das Solidaritätsgefühl zwischen den verschiedenen, nach Bildungsgrad, Lebensweise etc. unterschiedenen Berufsgruppen nur ein sehr mäßiges ist.
Ähnlich die Erfahrungen der kommunistischen Kolonien. Diese letzteren gedeihen in faktischer oder moralischer Einsiedelei oft längere Zeit unter den denkbar ungünstigsten Umständen. Sobald sie aber zu einem größeren Wohlstand gelangen und mit der Außenwelt in intimeren Verkehr treten, verfallen sie schnell. Nur ein starkes religiöses Band oder sonstiges, eine trennende Wand zwischen ihnen und der umgebenden Welt aufrichtendes Sektierertum hält diese Kolonien auch dann noch zusammen, wenn sie zu Reichtum gelangt sind. Dass es dessen aber bedarf, dass die Menschen in irgendeiner Art versimpeln müssen, um sich in solchen Kolonien wohl zu fühlen, beweist, dass sie nie die allgemeine Form genossenschaftlicher Arbeit werden können.“ ... >

Man konnte damals Bernstein erwidern, dass die Genossenschaften deshalb nicht erfolgreich hätten sein können, weil sie von den privaten Firmen auf Schritt und Tritt behindert und bekämpft worden seien. So etwas gab es bestimmt, dem Argument lässt sich eine gewisse Überzeugungskraft also nicht absprechen. Es konnte aber rein theoretisch nicht entschieden werden, ob die missgünstige bis feindliche kapitalistische Umgebung wirklich die ganze Schuld daran getragen hat, dass die Genossenschaften den privat verwalteten Unternehmen immer hoffnungslos unterlegen waren. Dort wo die Theorie nichts mehr aufdecken kann, bleibt nichts anderes übrig, als durch das praktische Experiment zur Wahrheit zu kommen. Und die Menschheit hat sich tatsächlich entscheiden dieses Experiment zu wagen. Es begann ein Zeitalter der sozialistischen und kommunistischen Revolutionen. Die russische Oktoberrevolution war die erste, die erfolgreich war, dann folgten die anderen und nach wenigen Jahrzehnten war der Planet weitgehend rot: hell- oder dunkelrot. Die Kapitalbesitzer - vor allem die großen - wurden enteignet, es wurden verschiedene Geschäfts- und Organisationsmodelle mit den „allen gehörigen“ Produktionsmitteln ausprobiert. Nach ein paar Jahrzehnten sind alle Versuche gescheitert. Auch wenn sich die Erfahrungen unterscheiden, kann man für sie zusammenfassend Folgendes sagen:

Am Anfang waren die neuen Wirtschaften mit dem nichtprivaten Kapital erfolgreich, sogar so erfolgreich, wie es die kapitalistischen nie oder nur äußerst selten waren. Russland war ein sehr rückständiges feudales Land, wo sich über Jahrhunderte kaum etwas geändert hat, aber dann in einer sehr kurzen Zeit industrialisiert wurde. Die russischen Bauernsöhne haben sich innerhalb weniger Jahrzehnte sogar des Weltalls bemächtigt. Zur Erinnerung: Die Spezialisten aus den amerikanischen Eliteuniversitäten, die Söhne der Reichen, waren mit dieser Aufgabe überfordert; nach langem Zögern haben sie sich gezwungen gesehen, doch die nach dem Krieg verschleppten deutschen Naziwissenschaftler für sich einzuspannen, um den Russen ins All zu folgen. Da interessierte es plötzlich keinen mehr, dass Werner von Braun und noch einige seiner Kollegen sich in Deutschland vor Gericht als Nazis und Kriegsverbrecher hatten verantworten müssen. Die kommunistische Kommandowirtschaft war ein Herrschaftssystem, das den Bürgerkrieg überdauerte, zahlreiche ausländische antikommunistische Interventionen abwehrte, das von Hitler vollkommen zerstörte Land wieder aufbaute und durch Mobilisierung seiner wissenschaftlichen und industriellen Ressourcen sogar der Atommacht Amerika Paroli zu bieten vermochte. Später hatte der Kommunismus so wenig innere Opposition und äußere Feinde als je zuvor. Alles sah danach aus, als sei es dem Kommunismus auch endgültig gelungen, das politische, soziale und ökonomische System in den Griff zu bekommen, aber der rasante Aufschwung verlangsamte sich immer mehr und kam dann fast zum Stillstand. Diese negative Wende hatte niemand erwartet und es war auch nicht einfach sie zu begreifen. Wen man mit den vorhandenen Institutionen zuerst großartige Erfolge erzielt hat, warum taugten dieselben später nicht mehr? Schließlich ist das ganze System plötzlich in sich zusammengebrochen. Auch diesmal ging eine Zivilisation unter, obwohl es noch unmittelbar davor keine Anzeichen dafür gab, im Gegenteil. Der Sturm kam wirklich aus heiterem Himmel.

Die historischen Forschungen lassen uns wissen, dass zu den Ursachen, warum Herrschaftssysteme zusammenbrechen nur selten Invasionen von außen gehören und noch seltener der Verbrauch von natürlichen Ressourcen oder Umweltzerstörung. Der Untergang beginnt mit erstaunlicher Regelmäßigkeit in einem Zustand der dadurch gekennzeichnet ist, dass sich eine Gesellschaft ökonomisch und politisch konsolidiert hat. Dass Völker und Kulturen gerade in dem Augenblick dem Niedergang anheimfallen, in dem die äußeren Bedingungen für ihre weitere Blüte gesichert erscheinen, hat der Historiker Oswald Spengler (1880-1936) als erster zu einer grundsätzlichen These erhoben. Die Belege für diese These reichen bis tief in die Vergangenheit zurück. Die älteste aller ägyptischen Kulturen, diejenige, welche die Nilkanäle baute, die Hieroglyphenschrift erfand und die ersten Pyramiden errichtete, zerfiel ohne ersichtlichen Grund und verschwand so unauffällig, dass bis heute niemand genau sagen kann, warum das so war. Es wundert also nicht, dass sich auch die zwei größten Philosophen der Antike, Platon und Aristoteles, besondere Mühe gegeben haben dieses Phänomen zu erklären. Sie sind bekanntlich zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Auch dazu haben wir schon etwas mehr gesagt, jetzt - ohne allzuviel zu wiederholen - wollen wir herauszufinden, inwieweit ihre theoretischen Ergebnisse für die Erklärung des Scheiterns und des Untergangs der sozialistischen und kommunistischen Ordnungen brauchbar sind.

Platon meinte, dass die Verarmung und Entrechtung des Volkes seitens weniger Reicher und Mächtiger die entscheidende Ursache für den Zusammenbruch von Herrschaftssystemen ist. Für den Zusammenbruch der sozialistischen Ordnungen trifft dies nicht im Entferntesten zu. Als die sozialistischen (bzw. kommunistischen) Gesellschaften zerfallen sind, war das Eigentum nicht in den Händen von wenigen Reichen und auch eine dynastische Klasse der Mächtigen hatte sich nicht ausgebildet. Die sozialistischen Gesellschaften haben die Armen nicht in die Verzweiflung getrieben, im Gegenteil. Wenn man vom keynesianischen Goldenen Zeitalter des Kapitalismus absieht, waren die sozialistischen Ordnungen immer viel menschlicher als die kapitalistischen. Das Volk konnte seine Grundbedürfnisse an Nahrung und Wohnung problemlos befriedigen, wer krank war wurde selbstverständlich ärztlich behandelt, alle Eltern konnten ihre Kinder in die Schule schicken und die Kinder mit guten Noten konnten auf Kosten der Allgemeinheit studieren. Die Macht der Mächtigen bestand darin, dass sie wichtige Positionen in der Wirtschaft besetzen konnten. So hat sich eine Vetternwirtschaft gebildet, in der jeder dafür sorgte, seine Verwandten und Freunde auf eine bessere Position zu hieven. Diese faktische Ungleichheit der Chancen hat ständig für  Empörung und Murren bei den Bürgern gesorgt, weil natürlich jedem alle möglichen Gründe eingefallen sind, warum der andere seine gute Position eigentlich gar nicht verdient hat, dass dies alleine der guten Beziehungen zu verdanken hätte. Beziehungen haben in der Tat eine große Rolle gespielt, deshalb wurde ständig versucht, diese Praktiken mit immer neuen Gesetzen zu unterbinden, doch ohne Ergebnis.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Macht der Partei sozusagen das sozialistische Gegenstück zur Macht der Geschäftsführer der großen Aktiengesellschaften im Kapitalismus war. James Burnham, der die politische Diskussion zur Zeit des Kalten Krieges stark geprägt hat, sah in der stalinistischen Ordnung trefflich Das Regime der Manager, wie der Titel seines damals (1941) berühmten Buches lautet. Wir haben darüber bei der Kritik der Monopolwirtschaft schon mehr gesagt.mehr Damit wir uns aber kein falsches Bild machen und falsche Schlussfolgerungen ziehen, vergleichen wir zuerst die Macht und Privilegien der kommunistischen Nomenklatur mit der Macht und den Privilegien der Manager und Kapitalbesitzer im Kapitalismus.

In der Praxis des Kapitalismus ist es selbstverständlich, dass derjenige auf der höheren Position nach eigenem Gutdünken die Posten der Untergebenen verteilt. Das spottet geradezu jedem Vergleich mit den als unlauter geltenden Praktiken in den sozialistischen (und kommunistischen) Gesellschaften. Nebenbei bemerkt: Eine Vetternwirtschaft innerhalb des Kapitalismus kann es gar nicht geben, weil er von seiner Funktionsweise her in Gänze schon eine Vetternwirtschaft ist, nur nennt man es anders. Genauso kann es in der privaten Wirtschaft keine Korruption geben, weil die gegenseitige Beschenkung, die mit Geld gemessen wird, den systemkonformen Ökonomen zufolge nur eine „Preisfindung“ sei, durch die das System angeblich sogar optimiert wird. Aber damit nicht genug. Vergleicht man die Verdienste der „Verantwortlichen“ („Funktionäre“) im Sozialismus mit den Vergütungen der Manager („Leistungsträger“) im Kapitalismus, liegen Welten dazwischen. Sogar die Leute auf den höchsten Positionen haben im Sozialismus nicht viel mehr verdient als ein Durchschnittseinkommen - vielleicht zwei oder drei Mal mehr. Ihre Vorteile waren Geschäftsreisen mit allen dazugehörigen Bequemlichkeiten, eine saubere und freundliche Arbeitsplatzumgebung und vor allem, dass sie eigentlich nichts Besonderes leisten mussten - genau so wie die millionenschweren „Leistungsträger“ im Kapitalismus. In Rente lebten die „Funktionäre“ inmitten der ganz „normalen“ Bürger und auch ziemlich gleich wie sie. Das wäre zum Beispiel auch das Schicksal von Gorbatschow gewesen, hätte er mit seiner fast unvorstellbaren Naivität und Dummheit nicht das System gegen die Wand gefahren. Das hat ihm sehr großzügige „Anerkennungen“ vom Westen eingebracht. Zu seinem Begräbnis werden viele westliche Delegationen kommen, aber die „normalen“ Russen ganz bestimmt nicht.

Es kann also keine Rede davon sein, dass für den Zusammenbruch der sozialistischen (kommunistischen) Ordnungen die materielle Ungleichheit die Ursache gewesen sei. Platon hat sich getäuscht und schon Aristoteles hat ihm da widersprochen. Als ein scharfer Beobachter der Tatsachen stellte Aristoteles fest, dass „es Revolutionen nicht nur wegen der Ungleichheit des Besitzes gibt, sondern auch wegen solcher in der Ehre“ und hier hat er großartig Recht behalten. Wenn es um Ehre geht, meinte Aristoteles zum einen diejenigen mit der „vornehmen Abstammung“ und zum anderen die Gebildeten. Die ersteren, diejenigen mit der „vornehmen Abstammung“ waren kein Faktor in den damaligen sozialistischen (kommunistischen) Gesellschaften, denn so ziemlich alle von ihnen waren schon längst in den Westen geflohen, nachdem sie dem Volk Gold und alles, was sie noch zu fassen kriegen konnten, gestohlen haben. Die Gebildeten waren sowohl für die zuerst großartigen Erfolge der sozialistischen Wirtschaft von entscheidender Bedeutung als auch für ihr endgültiges Scheitern. Doch wer waren die Gebildeten in den sozialistischen (kommunistischen) Gesellschaften?

Es waren hauptsächlich die Söhne und Töchter der Armen. Sie waren überglücklich, als ihnen ermöglicht wurde, Staatsbeamte, Ingenieure oder Ärzte zu werden und folglich auch motiviert Leistung zu erbringen, selbst wenn man sie nicht viel besser entlohnte als ihre Eltern - also die Arbeiter. Wie kann man diese geistige bzw. moralische Einstellung erklären? Der halb dokumentarische Roman von Maxim Gorki Die Mutter (1906) beschreibt hervorragend die Seele der Generation, die für die neue Gesellschaft gekämpft hat. Als die Söhne und Töchter dieser Generation später studieren konnten und wichtige Positionen bekleidet haben (white-collar worker), waren sie großzügig genug, den Arbeitern (blue-collar worker) Einkommen zu gönnen, das ihrem nicht sehr nachstand. Sie hatten noch in Erinnerung, wie die eigenen Eltern mit schwerer physischer Arbeit ihre Gesundheit und ihren Geist ruiniert haben. Das war die Zeit des „sozialistischen Aufbaus“ nach der Revolution, als die ökonomischen Erfolge der kommunistischen Wirtschaft auch die größten Skeptiker beeindruckten und verwirrten. Aber die ursprüngliche Einstellung der Gebildeten begann bald sich zu ändern. Die Nachgeborenen haben die Schrecken des Kapitalismus nicht mehr erlebt und schätzten die Gleichheit immer weniger. Nicht Gleichheit, sondern Gerechtigkeit war für sie das Ziel, also die sogenannte Leistungsgerechtigkeit, auf den Punkt gebracht: eine immer bessere Entlohnung der hochqualifizierten Berufe. Man kann es kaum fassen, dass Aristoteles schon vor zweieinhalb Jahrtausenden genau so die ethische Einstellung der Gebildeten beschrieb. Deshalb verdient er es, noch einmal zitiert zu werden:

„Denn die Gebildeten werden sich ärgern, als verdienten sie es nicht, bloß gleich viel wie die andren zu besitzen, und darum werden sie sich oft verschwören und Aufstände machen. Außerdem ist die Schlechtigkeit der Menschen unersättlich; zuerst mögen sie sich mit zwei Obolen begnügen, aber wenn ihnen das erste gewohnt geworden ist, verlangen sie immer mehr, bis sie ins Unbegrenzte kommen. Denn die Natur des Begehrens ist unbegrenzt.“ ... >

Die Gebildeten konnten ihren Anspruch, zu ihren Gunsten umzuverteilen, aber nicht durchsetzen. Das ließ sich schon deshalb nicht realisieren, weil es der Ideologie der Gleichheit, die damals das erste Legitimationsprinzip war, widersprach. Als Minderheit konnten die Gebildeten ihre „gerechten“ Ansprüche ebenso wenig mit direktdemokratischen Methoden - die eine sehr breite Anwendung hatten - durchsetzten. Eigentlich haben die Gebildeten nichts so sehr verachtet und gehasst wie die direkte Demokratie, die „der Putzfrau erlaubt über alles zu entscheiden“. So blieb den verbitterten und beleidigten Gebildeten nichts anderes übrig, als immer mehr die Leistung zu verweigern: Die Wirtschaft hatte keine Chance mehr.

Als sich abzeichnete, dass die sozialistischen Wirtschaften nicht fähig waren neue Technologien und Organisationsformen zu entwickeln, haben auch die westlichen Ökonomen gerätselt, woran das liegen kann. Unter anderem fiel ihnen ein, dass es an der steigenden Komplexität des neuen Wissens läge. Diese Erklärung hat sich erfolgreich durchgesetzt, was auch nicht verwundern kann. Sie schmeichelt dem Geist der alten und immer noch technologisch führenden altkapitalistischen und altkolonialen Nationen. Glaubwürdig war die These von der „zu hohen“ Komplexität des Produktionswissens nie. Die Theorien, auf der die Produktionsmethoden nach der ersten und zweiten Industriellen Revolution beruhten, benötigten sehr komplizierte Mathematik, wie etwa die Differential- und Integralgleichungen der Mechanik und Elektrotechnik, die Söhne und Tochter der armen, analphabetischen Bauern konnten diese schwer verdauliche geistige Errungenschaft der Menschheit trotzdem erstaunlich schnell bewältigen. Die digitalen Technologien, zumindest was die Software betrifft, nutzen bekanntlich die äußerst simple binäre Mathematik (Logik). Betrachtet man die intellektuelle Kluft zwischen einem Bauern und einem klassischen Ingenieur, kann man bestimmt davon ausgehen, dass sie viel breiter ist, als zwischen dem Ingenieur und einem Softwareprogrammierer. Gegen die angeblich nicht zu bewältigende Komplexität des neuen Wissen sprechen auch die atemraubenden Erfolge der „vier kleinen Tiger“ (Hongkong, Singapur, Taiwan und Südkorea). Sie konnten den klassischen Weg der Industrialisierung über Kohle und Eisen nicht antreten, weil sie die Naturressourcen dafür nicht hatten. Stattdessen haben sie sich auf die neuesten Technologien orientiert und mit ihnen ihre Wirtschaftswunder erbracht. Es waren genau die Völker, die seit vielen Jahrhunderten in  tiefster Armut lebten und keine Zeichen von geistiger Regsamkeit zeigten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs bestand zum Beispiel die Bevölkerung von Singapur zu 95 Prozent aus Analphabeten und anderswo in Ostasien war es auch nicht viel anders. Diese Wirtschaften sind sozusagen aus der primitiven Landwirtschaft direkt in die dritte Industrielle Revolution gesprungen.

Der Vollständigkeit halber erwähnen wir noch, dass die kommunistischen Länder auch erstaunlich schnell den Paradigmenwechsel in der Physik vollzogen haben. Als die Quantenphysik im Westen noch ganz neu war galt sie in der Sowjetunion zunächst als das offensichtlichste Zeichen der Dekadenz und des Verfalls der ganzen kapitalistischen Wissenschaft. Dann explodierten die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki, und nur wenige Jahre später besaßen die sozialistischen Wissenschaftler sowohl die neue Bombe als auch die Atommeiler. Es ist höchst interessant noch zu bemerken, wo die sozialistischen Wirtschaften am deutlichsten versagt haben: in der Landwirtschaft. Wer mit der Landwirtschaft nur ein Bisschen vertraut ist, kann sich schon denken woran das liegen konnte. Es gibt nämlich unzählige externe Faktoren - wie Wetter, Krankheiten und Schädlinge -, welche die ganze Ernte erheblich verringern oder völlig vernichten können. Deshalb ist es immer einfach eine Ausrede zu finden, um mit ihr die eigene Schlamperei und Leistungsverweigerung zu verschleiern. So konnte zum Beispiel die sowjetische Teilrepublik Ukraine, die früher die Kornkammer Europas war, die eigene Bevölkerung nicht ernähren. Als Vergleich kann man Jugoslawien nehmen, wo die Kommunisten pro Familie bis zu 10 ha Land - und unbegrenzt alle Landmaschinen - als Privateigentum zugelassen haben, und dort war die Landwirtschaft sehr erfolgreich. In Jugoslawien haben die „selbstverwalteten“ Industriebetriebe, die extrem direktdemokratisch verwaltete Genossenschaften waren, die Wirtschaft nach unten gerissen.

Wenn man über die Schuld der Gebildeten am Untergang der kommunistischen Wirtschaften spricht, wäre es falsch daraus zu folgern, die Arbeiter und Bauern seien nur Opfer gewesen, im Gegenteil. Sie hatten ihr eigenes Verständnis von Gerechtigkeit und waren sehr erfinderisch wenn es darum ging, wie sich das Recht auf einen Arbeitsplatz und die demokratische Macht der Mehrheit ausnutzen lässt, um ihren „gerechten“ Anteil vom Kuchen zu bekommen. Weil es auch aus ihrer Sicht nicht „gerecht“ genug vor sich ging, haben auch sie die Leistung immer mehr verweigert. Das Ergebnis lässt sich mit einem Witz schnell verdeutlichen, der gern erzählt wurde: Eine kapitalistische Delegation kam zu Besuch und wollte sich die Produktionshalle anschauen. Einer fragte gleich verwundert, warum ein kleiner Karren von zwei Arbeitern geschoben würde. Der Parteisekretär antwortete ihm höflich: Weil der dritte krankgeschrieben ist.

Als es keinen ausbeuterischen Kapitalisten gab, hat sich der unzufriedene sozialistische Arbeiter eine ungeheure „Bürokratie“ ausgedacht, die „auf seine Kosten“ lebe. Es stimmt, dass damals jeder einen Arbeitsplatz im Büro bevorzugte. Die Beschäftigten in der Administration waren natürlich keine besseren Menschen als die in der Produktionshalle, aber schlechter waren sie ganz bestimmt auch nicht. Eine kaum unterdrückte Feindschaft den administrativen Berufen (white-collar worker) gegenüber hat auch dazu geführt, dass die Partei immer wieder den Kampf gegen die „Bürokratie“ ausgerufen hat, um nach der alten Strategie divide et impera die Arbeiterklasse zu zersplittern. Das war tatsächlich alles andere als schwierig. Bernsteins Worte haben sich bestätigt, dass „das Solidaritätsgefühl zwischen den verschiedenen, nach Bildungsgrad, Lebensweise etc. unterschiedenen Berufsgruppen nur ein sehr mäßiges ist“, und schon lange Zeit vor ihm hat Aristoteles mit Recht den Glauben, dass beim gemeinsamen Besitz „eine wunderbare Freundschaft alle zu allen entstehen werde“ als Irrtum zurückgewiesen.

Eine kurze Bewertung und ein Ausblick

Die größten Genies haben des Öfteren erklärt, dass die Ursache des Erfolgs 1% Talent ist und 99% Arbeit. Noch zutreffender wäre es zu sagen, dass 99% Motivation sind. Diese Motivation hatten die Menschen nach dem Sieg der sozialistischen und kommunistischen Revolutionen, was schon dafür spricht, durch welche kapitalistische Hölle sie davor gegangen waren. Je mehr aber die Erinnerung daran schwand, desto mehr haben die sozialistischen Völker diese Motivation verloren, und einen Ersatz haben sie nicht gefunden. So etwas war von den sozialistischen und kommunistischen Theoretikern gar nicht vorgesehen. Es wurde einfach naiv als selbstverständlich angenommen, dass die Menschen schon deshalb motiviert sein würden ihr Bestes zu geben, weil sie „für sich“ arbeiten würden.  Marx war in dieser Hinsicht besonders realitätsfremd, ein typischer deutscher Philosoph, der in abstrakten metaphysischen Kategorien schwadroniert. Der Prototyp einer solchen Philosophie war Platon, den es nicht im Geringsten interessierte was ein Individuum ist und was es denkt und fühlt. So hat er sogar Frauen und Kinder einfach so zu gemeinsamem Eigentum erklärt. Aristoteles, der die Menschen beobachtete so wie sie sind, wies diese Idee entscheiden zurück:

„Denn zwei Dinge erwecken vor allem die Fürsorge und Liebe der Menschen: das Eigene und das Geschätzte: Bei den Bürgern eines solchen Staates kann weder das eine noch das andere vorhanden sein.“ ... >

Man kann noch begreifen, dass die Sozialisten und Kommunisten die Besitzer der Produktionsmittel enteignen wollten, um den Profit als leistungsloses Einkommen zu verhindern, man kann aber kaum verstehen, warum sie auch viele Güter des privaten Verbrauchs nicht im individuellen Besitz gelassen haben. Wie unglaublich kontraproduktiv das war, kann man am Beispiel der Wohnungen in Staatsbesitz verdeutlichen. Diese Wohnungen waren solide gebaut und gut ausgestattet, aber das wurde vom Arbeiter als Mieter nicht wahrgenommen. Der Arbeiter hat sein Gehalt mit dem des Arbeiters in den entwickelten kapitalistischen Staaten verglichen und war entsetzt. Dass er keinen Kredit für seine Wohnung abbezahlen musste und dazu auch noch seine Nebenkosten symbolisch waren, hat er einfach verdrängt. Das ist nur eines von vielen Beispielen, wie sehr man die natürlichen menschlichen Triebe missachtete und damit ohne Grund großen Schaden an Wirtschaft und Gesellschaft anrichtete.

Heute muss man sich fragen, wie konnte man so sträflich das übersehen, was schon Aristoteles klar war, nämlich dass die Menschen, die keine besonderen Fähigkeiten und Talente besitzen, mit denen sie ihrem Leben einen Sinn verleihen könnten, für ihre Identität und Selbstbestätigung kaum etwas Anderes zur Verfügung haben als das persönlichen Eigentum. Man strebt nach Privatbesitz, wenn man sonst nichts mit dem eigenen Leben anzufangen weiß. Smith konnte dies nicht übersehen, weil er zuerst Moralphilosoph und dann erst Ökonom war und hat es am Beispiel der Sklavenwirtschaft einer klaren und scharfen Kritik unterzogen:

„Ein Mensch, der kein Eigentum erwerben kann, kann auch kein anderes Interesse haben, als soviel wie möglich zu essen, und sowenig wie möglich zu arbeiten.“ ... >

Das war in der Tat die ausgeprägteste Eigenschaft des „neuen sozialistischen Menschen“. Es mag sein, dass eine solche Gesellschaft immer noch mehr Sinn hat und humaner ist als die kapitalistische, wo die Mehrheit ohne genug Essen so viel wie möglich arbeitet, damit eine Minderheit maßlos konsumiert und gar nicht arbeiten muss. Um eine Antwort darauf zu bekommen, warum trotzdem letztere Ordnung - zumindest vorläufig - überlebte, kann uns Hobbes sehr helfen.

Heben wir zuerst die Tatsache hervor, dass es keine objektiven Gründe gab, warum die sozialistischen (kommunistischen) Ordnungen nicht noch sehr lange weiter existiert haben könnten. Die Armut war besiegt und es wurde noch viel mehr erreicht. Die Bevölkerung der DDR zum Beispiel hatte mit 95 kg einen der höchsten Pro-Kopf-Verbräuche an Fleisch und Wurstwaren der Welt. In der BRD waren es nur 76 kg. Auch in den Jahren 1980-1989 wuchs das wirtschaftliche Gesamtprodukt immerhin noch um 2,3 Prozent jährlich. Aber das war nicht einmal ausreichend, den Abstand zu den westlichen Nachbarn zu halten und wurde deswegen zum Verhängnis. Ein Volk kann nicht einfach entscheiden, bescheiden und friedlich zu leben, so Hobbes, weil es immer ein Volk geben wird, das bessere Waffen machen und es nicht unterlassen wird, das bescheidene und friedliche Volk anzugreifen und zu unterjochen. Es war bekanntlich schon immer so, dass jene, die ihre Schwerter zu Pflugscharen schmiedeten, für diejenigen pflügen mussten, die ihre Schwerter behielten. Da kommt uns gleich auch der berühmte Satz von Marx aus dem Manifest in den Sinn: „Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt.“ Marx hat das mit der „schweren Artillerie“ zwar nur bildlich gemeint, aber gerade wörtlich genommen hat es sich als zutreffend erwiesen. Wenn jemand zu billigen Preisen Kanonen herstellen kann, wird er immer mehr Kanonen herstellen und mit ihnen die anderen unterjochen. Man erinnert sich an die britische „Kanenenbootdiplomatie“. Nichts Anderes tun die Amerikaner heute.... > Die besonders stolzen und hartnäckigen zerbombt man unter dem Vorwand des „Krieges gegen den Terror“, bei den naiveren und unvorsichtigeren organisiert man die „farbigen Revolutionen“ gegen die „Diktatoren“, um dadurch die Fünfte Kolonne als „Demokraten“ und „Freiheitskämpfer“ zu installieren. Hobbes lässt grüßen.

Nachdem klar geworden ist, dass das System der „Freiheit“, nachdem die Bedrohung durch den Kommunismus nicht mehr da ist, zu dem zurückkehrte, was es schon immer war, nämlich das kälteste aller kalten Ungeheuer, wird die Menschheit wieder einmal nach Alternativen suchen müssen, wenn sie nicht untergehen will. Wir sollten hoffen, dass nach dem gescheiterten sozialistischen und kommunistischen Experiment die Menschen begriffen haben, dass keine Änderung des Menschen die bisher bekannten Missstände beseitigen kann. Die Lösung besteht darin, eine institutionelle Umgebung mit Regeln zu schaffen, in der die Eigenschaften wie Egoismus, Gier und Streitsucht keine Unterstützung finden. Auch in Zukunft können uns die Gedanken der großen Denker als Ausgangspunkt dienen, die wir zwar schon zitiert haben, aber abschließend noch einmal zu Wort kommen sollen:

„Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzen.“ | Aristoteles
„Sooft als Vernunft wider den Menschen ist, sooft wird der Mensch wieder die Vernunft sein. Daher kommt es dann, dass unter denjenigen, welche über Gerechtigkeit und im allgemeinen über das Staatswesen geschrieben haben, jeder sich selber und einer dem anderen widerspricht. Um nun diese Doktrin auf unfehlbare Vernunftregel zurückzuführen, gibt es keinen anderen Weg als diesen: erstens muss man Prinzipien zu Fundamenten nehmen, die der Egoismus sich arglos gefallen lässt und nicht von vornherein zu zerstören trachtet; ferner gilt es dann, auf diesem Fundament Sätze in betreff der Einzelfälle - welche bislang in die Luft sind gebaut worden - nunmehr in das Gesetz der Natur hineinzubauen, bis das Ganze als eine uneinnehmbare Festung sich darstellt.“ | Hobbes
„Man soll die Welt nicht belachen, nicht beweinen, sondern begreifen.“ | Spinoza
„Da es unmöglich ist irgendetwas Wesentliches in unserer Natur zu ändern, ist das äußerste, was wir tun können, dass wir unsere Umstände und Situation ändern.“ | Hume
 
 
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